And finally - Japan!

Läck doch mir, ich bin in Japan, gibt's denn das? :) Auch nach einem Monat hab ichs noch nicht wirklich realisiert, dass ich an meinem Ziel angekommen bin und bald wieder zuhause sein werde. Wenn ich an den ersten Tag dieser Reise zurück denke, habe ich das Gefühl, dass ich erst gerade losgefahren bin. Und wenn ich daran denke, was ich zwischen jetzt und dann alles erlebt habe, fühlt es sich an als wäre ich schon ein Leben lang unterwegs. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Japan noch unendlich weit weg ist. Aber auch wenn ich während der ganzen Reise der Ankunft entgegen fieberte, so war doch von Anfang an der Weg das Ziel, und wenn ich an alles Erlebte zurückdenke, dann habe ich mein Ziel eigentlich jeden Tag erreicht!

Nun war ich da, morgens um 8 Uhr in kurzen Hosen und T-Shirt bei 5 Grad am Flughafen Fukuoka. Der Zöllner fand mein Dauergrinsen wohl verdächtig und wollte sich all meine Taschen ansehen, wobei er sich bei jeder Tasche nach dem Durchwühlen des Inhaltes sofort mit einem "Sumi Masen" für das Durcheinander entschuldigte.

"Mach du ruhig was du willst, meine gute Laune könnte nicht mal eine plündernde Horde Mongolen trüben! ich bin in Japan :)".

Nachdem ich in aller Ruhe mein Velo vor dem Flughafen wieder zusammengesetzt hatte, fuhr ich durch die typisch japanischen, schmalen Gässchen, wo kaum ein Auto durchpasst, und genoss zum ersten Mal seit Monaten die kalte Morgenluft. Erst nach einer Weile fiel mir auf, dass es im Vergleich zu den letzten 9 Monaten scho grad chli früsch war und ich von den dick eingepackten Japanern angeschaut wurde, als wäre ich ein Geisteskranker in kurzen Hosen. In Fukuoka traf ich mich mit Chiaki, bei welcher ich übernachten durfte und mir ihre Stadt zeigte. Abends gingen wir zusammen die berühmten Fukuoka Ramen essen, und weil ich japanisches Essen so sehr mag gingen wir von dort gleich noch in ein Sushi Restaurant, wo ich ganz nebenbei die Shirako Challenge von Jenni M. erfüllte.

Seit einem Jahr bin ich in nun Asien unterwegs und oftmals waren die Übergänge von einem Land ins nächste recht fliessend. Natürlich hat jedes Land seine eigenen Sitten und Bräuche, aber Japan ist in jeder Hinsicht anders. Es ist eine Insel, wo sich in den vergangenen Jahrhunderten eine ganz eigene und unabhängige Kultur entwickelt hatte, und genau das ist das Faszinierende an diesem Land. 500-jährige Tempel zwischen riesigen Wolkenkratzern in einer 10 Millionen Metropole, wow! Getränkeautomaten mit kalten und warmen Drinks an jeder Ecke, cool! Kleine Dörfer mit Samurai Häuschen und Pagoden, yeah! Drei Manndli mit Leuchtweste und Helm die dafür sorgen, dass man sicher von einem Parkplatz wieder in die Strasse einbiegen kann, check! Rolltreppen und Automaten, die mich auf Japanisch volllabern oder etwas singen, aber klar doch! Eine Verbeugung wenn man den Laden oder das Restaurant verlässt, selbstverständlich! Ein dutzend Fähnchen schwingender Japaner, die den Verkehr um ein kleines Loch in der Strasse umleiten, so geht das! Einstellhallen für Fahrräder, natürlich! Autobahnen die 10 Meter über Boden zwischen den Hochhäusern durchführen, was den sonst?! Die Japaner haben eine unglaubliche Kultur der Sauberkeit, Ästhetik und Höflichkeit. Alles ist so geordnet, geregelt und pünktlich, dass im Vorgleich sogar wir Schweizer wie ungehobelte Barbaren erscheinen. Etwas vom Tollsten am japanischen Sauberkeits- und Technikwahn sind die geheizten Toiletten, auf denen sich sogar Männer mit Freude zum Pinkeln hinsetzt. Dann muss man nur noch herausfinden, welcher der dutzenden Knöpfe zum Spülen ist, damit man nicht aus Versehen den Radio einschaltet, die Heizung auf 50 Grad stellt oder ein Wasserstrahl von vorne oder hinten in den Po schiesst. Und ob mans glaubt oder nicht, solche Toiletten stehen in jedem Laden, Restaurant und teils sogar in öffentlichen Parktoiletten, was im Vergleich zu den Plumpsklo`s im Übrigen Asien richtiger Luxus ist :) So nun aber genug über Toiletten, es gibt schliesslich Wichtigeres!

 

Am nächsten Tag war es schliesslich soweit und mein erster Fahrtag in Japan stand an. Nachdem ich mich von Chiaki verabschiedet hatte fuhr ich durch den Stadtverkehr aus Fukuoka raus - und weiter in den Stadtverkehr. Gemäss Strassenkarte hätte ich schon längst aus Fukuoka raus sein sollen, aber die Stadt schien nie zu enden. Meine erste Radlerlektion in Japan war: Entlang der Küste = Stadtverkehr. Weil Japan ein sehr bergiges Land ist, wurden hier praktisch alle Siedlungen entlang der flacheren Küstengebiete gebaut, was dazu führte, dass diese riesigen Megastädte wie Tokyo oder Osaka mit 10-15 Millionen Einwohnern entstanden. Und weil in Japan alles geregelt und ordentlich ist, steht mindestens alle 100 Meter eine Ampel, an der man gut und gerne zwei Minuten oder länger wartet. Zudem wird der Radverkehr oft auf das Trottoir geleitet, wo ich zwischen den Fussgängern Slalom fahre und von einem Absatz über den nächsten holpere. So kam ich am ersten Tag nur sehr schleppend voran, was im Vergleich zu den bisherigen Ländern ziemlich ungewohnt war. Gegen Ende des Tages fand ich aber noch einen wunderschönen Radweg und kurz bevor es eindunkelte schlug ich mein Zelt auf einem ruhigen Zeltplatz in den Hügeln auf. Ende Februar ist wohl noch nicht wirklich Zeltsaison, denn ausser mir war nur noch ein weiterer Camper auf dem Platz, der die Nacht draussen verbrachte. Nach einer Weile kam er zu mir rüber, schaute sich mein Velo an, erzählte mir irgendetwas auf Japanisch und schenkte mir dann eine grosse Packung Cracker und Dosencurry :) Auch in Japan sind die Leute wieder sehr freundlich und hilfsbereit, wenn auch sehr zurückhaltend und scheu. Die meisten Japaner würden mich nie von sich aus ansprechen, weil sie die Privatsphäre der Anderen nicht stören wollen. Aber wenn ich sie anspreche oder etwas frage, dann haben sie richtig Freude und lassen alles stehen und liegen, um mir weiterzuhelfen. Und das, obwohl praktisch niemand Englisch spricht, oder sich zumindest nicht getrauen Englisch zu sprechen, weil der Sprachunterricht hier für die Katz ist. Jedenfalls ist die Sprachbarriere etwa gleich gross wie in China, aber ich bin mir ja mittlerweile gewohnt, dass ich nichts verstehe, und hier klappt es zumindest mit der Zeichensprache :)

Weiter gings durch die endlose Stadt der Küste lang, dann mit der Fähre über einen Fluss, wo mir eine nette alte Dame beim Ticketautomaten half und mich mit Süssigkeiten beschenkte, dann wieder durch endlosen Stadtverkehr. Phuu, ist ganz schön anstrengend, dieses ständige Stop and Go... Was aber ziemlich cool war, war der 800 Meter lange Fussgängertunnel, der die beiden Hauptinseln Kyushu und Honshu verbindet und unter dem Meer verläuft. Auf der anderen Seite hatte ich dann genug von den unzähligen Ampeln und bog nach links ins Inland ab. Innert kürzester Zeit war ich von einer tollen Landschaft umgeben, die aussah wie das Emmental mit kleinen Samurai Häuschen, was gleich doppelt so viel Spass zum Fahren machte. Die Ruhe beim Fahren kam jedoch zu einem Preis, denn jetzt gings durch die Hügel und die hatten es mit Steigungen bis zu 15% ziemlich in sich. Das war mir aber so Lang wie Breit, mir war alles lieber als die Hauptstrassen an der Küste. Am Mittag machte ich einen Essensstop in einem 7/11, welche hier überall herumstehen und ein wahres Velofahrer-Nirvana sind. Wenn man ein heisses Kafi braucht - 7/11. Ein günstiges Sushi - 7/11. Geld abheben - 7/11. Eine Kopie machen - 7/11. Das Füdlä auf einem Toilettensitz aufwärmen - 7/11. Gratis WiFi - na ihr wisst schon.

Die Strecke durch diese Gegend war toll und am Nachmittag erreichte ich in eine mondartige Karstlandschaft namens Akiyoshidai, wo angeblich die grössten Karthöhlen Asiens sind. In dieser Nacht zeltete ich wieder auf einem Campingplatz und hatte diesmal das riesige Areal mit Grillstellen, Duschen, Getränkmaschinen usw. gleich ganz für mich alleine. Am nächsten Morgen war es knapp über 0 Grad und es regnete in Strömen. In solchen Momenten gibt es 100 andere Dinge die ich lieber machen würde, als den warmen Schlafsack zu verlassen. Aber das wäre eigentlich nicht so cheibä tragisch gewesen, denn nass werde ich beim Fahren ja sowieso. Dass mein Handy über Nacht eingefroren war, machte die Sache schon ein bisschen ungemütlicher. Das Teil lief zwar noch, das Display reagierte aber nicht mehr und so konnte ich weder Telefon, Kamera noch Navi benutzen. Ich muss gestehen, ohne Navigation bin ich im japanischen Strassenwirrwarr ziemlich aufgeschmissen. Nach 20 planlosen Kilometern erreichte ich pflotschnass die nächste Stadt, wo ich mich auf die Suche nach einem günstigen Ersatzhandy machte. Das sollte in einem Land von Sony usw ja kein Problem sein... Um die nächsten 5 Stunden kurz zu fassen, in Japan kann man ohne Residence Card kein Handy kaufen, und da ich nur ein Touristenvisum hatte fand ich mich damit ab, die nächsten paar Wochen ohne Handy zu verbringen. Mittlerweile war schon wieder dunkel und ich hab den ganzen Tag in Handygeschäften verplämperlet, dafür gönnte ich mir jetzt ein Bett und eine heisse Dusche in einem schönen Hostel. Am nächsten Morgen schrieb ich mir die ungefähre Route auf einen Zettel und machte mich auf die zweitägige Strecke durch die Hügel nach Hiroshima. Kann ja nicht so schwer sein, sind nur ca. 20 verschiedene Strassen bis dorthin ;) Die einsame Strecke führte immer weiter in die Hügel und ab 300 Höhemeter lag sogar Schnee auf den Feldern. Läck hatte ich eine Freude, wieder mal Schnee zu sehen :) Die Fahrt durch die Hügel und Schluchten war so schön, ich hätte heulen können, dass ich keine Fotos machen konnte... 50km vor Hiroshima erreichte ich wieder die Küste, wo ich mir in einem 7/11 ein heisses Kafi kaufte und auf zwei Rennvelofahrer aus Saudi Arabien traf, die ebenfalls dort Pause machten. Die Beiden arbeiteten seit zwei Jahren in Japan und machten noch eine Velotour in Süd Japan, bevor sie wieder nach Saudi Arabien zurückkehrten. Sie hatten eine riesige Freude an meiner Reise und als sie von meinem Handy erfuhren grübelte einer von ihnen in seiner Tasche rum, streckte mir ein Handy entgegen und meinte, dass ich es haben könne.

"Also wie jetzt?"

Er gehe ja bald nach Hause und brauche das japanische Ersatzhandy nicht mehr. Ich konnte es kaum glauben und fragte, was ich ihm dafür geben könne, worauf er meinte: "We are cycling brothers, it`s a present for you".

Ich schreibe diese Zeilen drei Wochen nach dieser Begegnung und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich einfach so ein Handy geschenkt erhalten habe. Entweder habe ich ein unglaublich gutes Karma oder einfach ein riesen Schwein, aber ich bin extrem Dankbar für all die netten Menschen die ich in diesem Jahr getroffen habe. Haha das ist doch einfach unglaublich :)

Auf der kurzen Fahrt nach Hiroshima machte ich noch einen Zwischenhalt auf der Insel Miyajima, wo zahme Rehe herumspazieren und eines der wichtigsten Toris Japans steht, unter welchen im Shinto-Glauben die Götter wohnen. Das besondere an diesem Tori ist, dass es während der Ebbe auf dem Land steht und während der Flut im Wasser. Das letzte Mal als ich hier war sah ich es bei Ebbe und diesmal hatte ich das Glück, es im Wasser zu sehen!  

 

Den Meisten wird Hiroshima wohl bekannt sein als derjenige Ort, wo die erste Atombombe im Ernstfall abgeworfen wurde. Heute ist Hiroshima wieder eine schöne und lebendige Grossstadt, in der nur noch der Peace Memorial Park und der A-Bomb Dome an die Tragödie vom 6. August 1945 erinnern, bei welcher 66`000 Menschen auf einen Schlag ihr Leben verloren und noch viele mehr an den Spätfolgen starben. Das Peace Museum ist etwas, das wirklich jeder mal gesehen haben sollte und obwohl ich es schon im 2011 sah, waren die Bilder und Ausstellungsstücke nur schwer zu verdauen.

In den nächsten Tagen hatte ich eine der schönsten Velostrecken Japans vor mir, denn es ging von der Hauptinsel Honshu über die Seto Inland Sea auf die Insel Shikoku. Die 70km lange Strecke namens Shimanami Kaido führt über die weltweit längste Serie von Hängebrücken, welche sechs kleinere Inseln miteinander verbindet und eine umwerfende Aussicht auf das Meer bietet. Bevor ich dort ankam hatte ich jedoch noch über 100km vor mir, welche an einer schönen Küste lang und durch eine der am besten präservierten Altstädte Japans führte. Am Abend erreichte ich Innoshima, die zweite Insel des Shimanami Kaidos, wo ich mein Zelt auf einem kleinen Campingplatz direkt neben dem Meer aufstellte. Der Campingplatz war eigentlich wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, aber der flotte Herr dort meinte, dass ich mein Zelt aufstellen dürfe, wenn ich es niemandem verrate (ups das hätte ich jetzt wohl nicht schreiben dürfen ;) In der Nacht wachte ich plötzlich auf, als ich laute Geräusche neben meinem Zelt hörte. Zuerst dachte ich, dass es Leute sind, die um mein Zelt gehen. Aber der Zeltplatz war ja geschlossen und ziemlich abgelegen. Nachdem ich eine Weile zugehört hatte, hörte ich ein lautes Schnaufen direkt neben dem Zelt. Da kam mir in den Sinn, dass es in Japan Bären gibt und mein nächster Gedanke war, dass ich noch angefangenes Essen in meinem Zelt hatte. Ach du heilige Sch....e! Nach kurzem überlegen nahm ich all meinen Mut zusammen und ging mit der Stirnlampe auf dem Kopf und dem Sackmesser in der Hand nach draussen um nachzusehen. Das war mir irgendwie lieber, als wehrlos in meinem kleinen Zelt gefressen zu werden, und notfalls hätte ich so noch den Spurt in Meer machen können ;) Ich kam mir vor wie ein Idiot, als ich wie eine gespannte Feder im Dunkeln herumleuchtete und absolut nichts sehen konnte. Ah doch, da im Gebüsch raschelt es. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte nicht sehen was es war und mein Puls schnellte langsam aber sicher in die Höhe. Plötzlich bewegte sich zwischen dem Gebüsch und mir etwas, das ich zuvor im Dunkeln gar nicht gesehen hatte. Es war ein massives Wildschwein, haha! Diese Viecher können zwar auch gefährlich sein, aber das war mir hundert Mal lieber als ein Bär! Das Fell der Sau floss im Dunkeln perfekt mit der Umgebung zusammen, denn sie stand nur etwa 3 Meter vor mir und ich hatte sie beim besten Willen nicht gesehen. Ich machte ein paar langsame Schritte rückwärts, um ihr ein bisschen Platz zu geben und sah dann im grösseren Lichtkegel mehrere junge Wildschweine, die reglos im Gebüsch standen. Ui, ein Mutter-Schwein mit Jungen ist vermutlich auch nicht so günstig. Aber als wir genug Distanz hatten, rannten sie davon und ich hatte wieder mal einen gäbigen Adrenalinrausch :)

Am nächsten Tag fuhr ich über die verbleibenden vier Inseln und fünf Brücken dieser wunderschönen Strecke und hatte einen Gegenwind wie schon lange nicht mehr. Als ich auf Shikoku ankam war ich schon ziemlich erschöpft, aber jetzt gings wieder im nervtötenden Stadtverkehr weiter. Nach ein paar weiteren Stunden und der gefühlten tausendsten roten Ampel jagte es mir zum ersten Mal auf dieser Reise so richtig den Nuggi raus und ich liess meinen Ärger an der Ampel raus, was an den empörten Blicken der Passanten wohl nicht so gut ankam. Es war höchste Zeit, diesen Fahrtag zu beenden und einen Zeltplatz zu suchen, was in dieser urbanen und industriellen Gegend gar nicht so einfach war. Schlussendlich fand ich doch noch einen super Campingplatz direkt am Meer und nachdem ich was gegessen hatte gings mir schon wieder viel besser. Um meine Stimmung an diesem Nachmittag bildlich darzustellen müsst ihr nur eine Snickers Werbung anschauen, die bringts ziemlich genau auf den Punkt ;)

Der nächste Tag war schon wieder viel angenehmer zum Fahren und die urbanen Gebiete wechselten sich mit schönen ländlichen Gegenden ab. Am Nachmittag erreichte ich die Stadt Takamatsu, welche für die besten Udon Nudeln Japans bekannt ist, und schlug mir so richtig den Bauch voll. Da die Brücke zurück aufs Festland nur für Motorfahrzeuge befahrbar ist, nahm ich von hier aus die vierstündige Fähre nach Kobe und fuhr von dort die knapp 40km in die zweitgrösste urbane Gegend Japans, nach Osaka! Ich stellte mich aber schon vorher mental auf den Verkehr ein und so ging es schlussendlich viel ringer als ich gedacht hatte. In Osaka traf ich mich für eine Woche mit meinem guten Freund Sho, bei welchem ich schon im 2011 Couchsurfen durfte. Ich freute mich riesig auf unser Treffen und Sho nahm sich extra ein paar Tage frei, um mich in seiner Heimat herumzuführen.

Sho liess sich viele tolle Ausflüge einfallen, wie zum Beispiel in das Onsen-Dorf Kinosaki, wo wir uns in den natürlichen Thermalbädern kochen liessen und abends das grösste Znacht erhielten, das ich je gegessen habe, inkl. einem ganzen Krebs, Fisch, Soba Nudeln, BBQ, Tempura, Salat, Miso Suppe, Tintenfisch usw... :) Das ist übrigens auch eines der wenigen Onsen, wo man mit Tätowierungen rein darf (für den Fall, dass jemand mit Tattoos mal in Japan bädlen gehen will ;)

Anschliessend gingen wir nach Amanohashidate, wo ein dünner Landstreifen mit schönen Sandstränden und Nadelbäumen durch eine Meerenge verläuft und eine natürliche Barriere bildet. Das Witzige daran ist, dass es vor Allem für den Blick berühmt ist den man hat, wenn man sich die Landschaft zwischen den Beinen hindurch ansieht, denn dann sieht es anscheinend aus wie ein Drachen im Himmel :) Es gibt übrigens eigens für diese "Position" das japanische Wort "Matanozoki"!

Der Ausflug zum Mino Park mit Sho`s Kollegen war auch super. Der Katsuou-ji Tempel ist der Tempel der Gewinner, wo man hingeht um für einen Erfolg zu beten und wo überall so kleine Figürchen herumstehen, die dort von den Betenden als Göttergabe hinterlassen wurden.

Und worauf ich mich besonders freute - Koya-San! Ein Dorf in den Bergen auf 800 MüM, wo ein riesiger Friedhof für Samurai und japanische Persönlichkeiten einen mystischen Wald säumt und zu einem der heiligsten Tempel Japans führt.

Die Woche mit Sho war echt toll und viel zu schnell wieder vorbei. Nach einer Woche mit schönem Wetter regnete es am Tag meiner Abfahrt wieder mal, aber ich hatte glücklicherweise nur eine kurze Etappe bis Kyoto vor mir. Die alte Kaiserstadt ist das Zentrum der japanischen Kultur und obwohl es von Touristen geradezu überrannt wird, gehört es mit seinen dutzenden, wunderschönen Tempeln zu jedem Japanbesuch. In Kyoto buchte ich ein super Hostel mitten im Gion Quartier, wo man mit etwas Glück eine Geisha oder Maiko (Geisha in Ausbildung) zu Gesicht bekommt. Aber auch wenn man keine Geisha sieht ist es faszinierend, zwischen den alten Häuschen hindurch zu laufen, wo sich viele japanische Touristinnen im Kimono kleiden und mit Holzschuhen über die Pflasterstrasse träppelen :) Das ist das Japan aus dem Bilderbuch!

Nach Kyoto gings in eine weitere ehemalige Kaiserstadt namens Nara. Hier ist es viel ruhiger als in Kyoto, hat aber auch sehr schöne Tempel und vor allem hats hier wie in Miyajima auch zahme Hirsche :) Am letzten Fahrtag gabs noch einen persönlichen Rekord auf der steilsten Nationalstrasse Japans, wo ich mich auf Steigungen bis zu 18% durchbiss und dann zum zweiten Mal auf dieser Reise in den Grossstadtdschungel von Osaka fuhr. Hier geniesse ich noch die letzten Tage in dieser tollen Stadt voller Leuchtreklamen, Neonfarben und Streetfood Ständen, bevors mit dem Flugzeug nach Irland geht und es noch eine kleine Fahrt zum Dessert gibt :) Japan war wundervoll und ich kann jedem nur empfehlen, mal in dieses faszinierende Land zu reisen!

Hey, ihr habt tatsächlich bis zum Schluss durchgehalten, Respekt :) Aber nun habt ihrs geschafft, das war mein letzter Blog! Wenn wir Glück haben kann ich Jonny noch dazu überschnurren, ein paar Zeilen zu unserem "Irland-Wiedersehen" zu schreiben ;)

Es ist im Moment ein ziemliches Auf und Ab der Gefühle, eine Mischung aus Vorfreude auf mein zuhause, meine Familie, meine Freunde, mein eigenes Bett, meine Kaffeemaschine, eine Züpfe und Greyezer zum Zmorgen... :) Und aus Angst, das Ende der Reise erreicht zu haben, mein Abenteuer hinter mir zu lassen und mich von meinem Radlerleben zu trennen. Rückblickend hätte ich mir nie zu Träumen gewagt, dass ich so Vieles erleben werde. Es gab so viele Momente, an die ich mich immer erinnern werde, wie zum Beispiel den Moment, als ich mich von Jonny verabschiedete und von da an auf mich alleine gestellt war, ohne einen blassen Schimmer zu haben was mich erwartet. Oder die Sonnenuntergänge über der Kroatischen Küste, denen ich stundenlang hätte zuschauen können. Die tolle Gruppe junger Albaner, die mich in Shkoder herumführten und mir ihre Stadt zeigten. Das Velorennen mit einem Schulkind, das richtig glänzende Augen hatte als es gegen mich gewann. Die Fahrt durch die Bucht von Kotor, die etwas vom Schönsten war, das ich je gesehen habe. Die Schulmädchen in der Türkei, die mir Glace und Getränke schenkten. Die WG in Erzurum, wo ich mit einem "Happy Birthday"-Ständchen und einer Geburtstagstorte überrascht wurde und Freunde fürs Leben gewann. Die Zeltnächte bei klarem Himmel, an denen man jeden einzelnen Stern am Himmel sah. Die unglaubliche Gastfreundschaft und die märchenhaften Orte im Iran, die jeder mal erlebt haben sollte. Die Besteigung des Mt. Damavand mit Jonny, die uns mit voller Wucht vor Augen führte, wie majestätisch unsere Welt ist. Die unzähligen Einladungen, die ich in Kirgistan von Nomaden, Schäfern und Lastwagenfahrern zu einem Gläschen Vodka erhalten habe. Die unzähligen Male, in denen ich mir keinen schöneren Ort hätte vorstellen können, als denjenigen, den ich gerade vor mir hatte. Das überflutete Zelt in Kasachstan, das mich daran erinnerte, dass man auch die miserablen Momente mit Humor nehmen sollte. Der Wind und die Hitze in der Taklamakan Wüste, die mich manchmal an meine Grenzen brachten. Die Strände in Südostasien, die schöner waren als in jedem Reisemagazin. Und all die Menschen, denen ich unterwegs begegnet bin und diese Reise erst zu dem unvergesslichen Erlebnis machten, das es war!

 

Hat mich diese Reise verändert? Ich weiss es nicht, vermutlich ein bisschen. Was ich aber weiss, ist, dass sich mein Horizont auf eine Weise geöffnet hat, wie das nur eine Reise machen kann. Ich habe ein anderes Verständnis für die Leute denen ich unterwegs begegnet bin, die mit minimalen Mitteln das Beste aus ihrem Leben machen und trotzdem mehr lachen als wir Schweizer. Ich habe mehr Geduld, weil man manchmal die Schönheit, die man vor sich hat, erst auf den zweiten Blick sieht. Ich nehme meine Umgebung mit anderen Augen wahr, weil uns die unglaubliche Natur- und Kulturvielfalt hinter jedem Hügel eine neue Überraschung bereit hält. Und ich bin dankbar, für alles was ich erleben durfte. Für alle Bekanntschaften, die ich machen konnte. Für jede Mahlzeit und jede Flasche Wasser, die mir offeriert wurde. Für den Humor der Leute, der trotz Sprachbarriere für die tollsten Unterhaltungen sorgte. Was mir aber am meisten bleibt, ist die unvorstellbare Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die mir unabhängig von Nationalität oder Religion auf den ganzen 18`000 km entgegen gebracht wurde, und das alleine war jede noch so kleine oder grosse Strapaze wert!

 

In diesem Sinne, liebe Grüsse aus Japan und bis bald!


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Kommentare: 5
  • #1

    Sebu (Freitag, 31 März 2017 17:54)

    Bis gli my george. Grosses chino. Gueti heireis

  • #2

    Corinne (Samstag, 01 April 2017 00:23)

    Lieber george, es ist tatsáchlich gekommen; das Ende dieser unglaublichen grossen Reise, auch für mich ist nun diese Reise , mit all diesen Eindrücken , die man zu ordnen versucht, zu Ende gegangen.
    Ich beende dieses spannendste Buch , welches ich je gelesen habe , mit einem lachenden und einem weinende auge , und danke dir dass du diese fantastische abenteuer mit uns geteilt hast . Big Hug
    Corinne

  • #3

    Lara (Dienstag, 04 April 2017 11:03)

    Schön dass mir geng chli hei chönne derbi si bi dire Reis. Aber o schön dassd wieder hei chunsch! :) Bis gli!

  • #4

    Peschä Utz (Donnerstag, 06 April 2017 14:31)

    Moin George, ig ha ja immr gseit: "wahri Grössi wird nid i cm gmässä". Ig ziä mi Huet vor Dirä Leischtig u hoffä, dass mir üs gli wieder mau gse. I däm Sinn..bis gli

  • #5

    Mam (Sonntag, 09 April 2017 17:53)

    Lieber George... Es gibt keine Worte um dir zu sagen, wie beeindruckend deine Leistung war die du gestrampelt bist und was du erlebt hast. Es wird sicher dein Leben prägen und du bist noch cooler als du es schon warst... Du kannst unheimlich stolz auf dich sein...Ich bin es !
    In Liebe Mam