Cambodia

 

«35 Dollar» waren die ersten Worte, die ich in Kambodscha hörte. "Äbefaus Grüessech, Herr Gränzwächter", dachte ich mir. Er reichte mir ein Zettel, den ich unter den Blicken von sechs gelangweilten Angestellten ausfüllte und keine drei Minuten später hatte ich das handgeschriebene Visum im Pass. Dann gings noch zu einem Medizincheck, wo ich mich vor eine Kamera oder so was Ähnliches stellen musste (funktionierte vermutlich sowieso nicht), worauf der Herr meinte, dass ich gesund sei und nochmals einen Dollar forderte J

 

Nach dem kleinen Dörfchen hinter der Grenze fühlte es sich an, als wäre ich nochmals ein bisschen in der Zeit zurückgereist. In der weiten, ebenen Landschaft standen vereinzelte Stelzenhäuschen zwischen vereinzelten Palmen und in der Ferne ragte gelegentlich ein spitziger Hügel aus den Feldern, auf welchen ab und zu ein Bauer mit seinem Holzstock herumspazierte. Die ersten Tage in einem neuen Land mit einer neuen Sprache, einer neuen Schrift, neuen Währung und neuem Essen sind immer besonders spannend und es machte richtig Spass, durch diese sogar noch ländlichere Gegend als dem Mekong Delta zu fahren. Am Mittag setzte ich mich in ein kleines Beizchen und ass Reis mit einer Beilage, die ich mir aus einem von sieben Töpfen auswählen konnte. Und lug jetz eis, der Besitzer spricht ja sogar fliessend Englisch, haha J Nachdem wir uns ein bisschen unterhalten hatten, reichte er mir eine Flasche Wasser für die Weiterfahrt (was sich noch oft wiederholen sollte) und nach einer schönen Fahrt durch die Salzfelder von Südkambodscha erreichte ich die herzige Stadt Kampott, wo ich mich für ein paar Tage in einem Hostel mit outdoor Bett einquartierte.

 

 

Kampott ist eine wunderbare kleine Stadt an einem Fluss mit vielen kleinen Restaurants in alten französischen Häuschen, wo es sogar ein Schweizer Restaurant gibt und ich eine herrliche Rösti mit Zürcher Geschnätzeltem verdrückte J Diese Stadt, die sich eher anfühlt wie ein grosses Dorf, gefiel mir auf Anhieb sehr und aus den ursprünglich zwei geplanten Nächten wurden schlussendlich, naja, sagen wir einfach mal mehrere Nächte ;) Es gibt hier zwar viele Hippies und «Künstler» (also solche die auf der Strasse jonglieren und so…), welche sich in Kampott dauerhaft niedergelassen haben und gemütlich die Bars am Fluss mit einer Tüte zuqualmen, aber trotzdem hat diese Stadt einen tollen Charme und vor allem eine wunderschöne Umgebung. In dieser Region wächst angeblich der beste Pfeffer der Welt und seit ich den Ausflug über die holprigen Landstrassen zur Pfefferplantage gemacht habe, sind meine Taschen bis oben voll mit Pfeffersäckchen. In der Nähe befindet sich auch der Bokor Nationalpark, welcher direkt neben dem Meer 1000m in die Höhe ragt, ein paar interessante Ruinen aus der französischen Kolonialzeit herumstehen und einen fantastischen Ausblick auf die vietnamesische Insel Phu Quoc bietet. Es war Sonntag und immer wieder wurde ich beim Vorbeifahren von picknickenden kambodschanische Familien zum Krebse und Früchte Essen eingeladen J Es ist unglaublich, wie viele Leute hier auch auf dem Land ein gutes Englisch sprechen, was das Reisen doch erstaunlich einfach macht. Anderseits macht es auch faul und ich habe kaum ein kambodschanisches Wort gelernt, aber was solls J Ich finds auch immer lustig, wenn mir so ein super cooler 18 Jähriger erklärt wie toll er doch ist, weil ihm sein Papi eine Reise bezahlt hat und er nun ein Jahr durch Südostasien reist und er sowieso einfach der mega geilste Backpacker überhaupt ist, der schon alles gesehen und erlebt hat. Bei dieser, hier gar nicht so seltenen Gattung von Reisenden halte ich einfach den Mund und lächle, aber vielleicht sollte ihnen mal jemand sagen, dass eine Reise in ein Land, wo es in jeder Stadt Hostels gibt, wo man alles mit Dollar bezahlen kann, wo fast jeder Englisch spricht und man überall etwas billiges zu essen kriegt, jetzt nicht unbedingt einen Bad Ass Neil Armstrong aus ihnen macht.

 

 

Die Dörfer entlang der ruhigen Hauptstrasse in Richtung Westen sind mehrheitlich von den sogenannten Cham Muslimen bewohnt und nach all den Kirchen in Vietnam ist es schon fast ein ungewohntes Bild, hier überall Moscheen und Frauen mit Kopftuch zu sehen. Auf der Strasse ist nur wenig Verkehr, aber es gibt hier viel mehr Autos als noch in Vietnam. Und nicht etwa irgendwelche uralten Ladas, sondern Pickup Trucks und teure Schlitten, die in einem starken Kontrast zu den Stelzenhäuschen und Wellblechhütten am Strassenrand stehen. Oft tragen diese Fahrzeuge die Aufschrift irgendeiner NGO und ich komme nicht drum herum mich zu fragen, ob die Spendengelder hier vielleicht am falschen Ort investiert werden.

 

Nun zu einem kleinen Geheimtipp für alle, die mal nach Kambodscha wollen (Sollte ich vermutlich gar nicht sagen, sonst ist`s ja nicht mehr geheim ;). Für viele ist die Stadt Sihanoukville mit ihren Touristenstränden und Discos der Badeort Nr. 1 in Kambodscha. Wenn man aber etwas östlich von der Stadt einer kleinen Strasse lang fährt, kommt man früher oder später in den Ream Nationalpark, einem wunderschönen Dschungel der direkt ans Meer grenzt und einem das Gefühl gibt, auf einer fernen Insel zu sein. Am Ende dieser Strasse stehen die Monkey Maya Bungalows, und hier, meine Lieben, müsst ihr unbedingt mal hin. Wenn es hoch kam teilte ich mir den zwei Kilometer langen Strand mit drei anderen Leuten, und nachts zwischen dem fluoreszierenden Plankton zu schwimmen war etwas vom schönsten, das ich je gesehen habe. Internet gibt’s nicht und Strom nur von 17:30 – 24:00 Uhr, drum unbedingt ein gutes Buch mitbringen ;)

 

 

Die Dreitagesstrecke nach Koh Kong führte durch eine sehr schöne und abgelegene Gegend entlang den Kardamom Bergen in den wilden Westen Kambodschas. Die verstreuten Dörfchen und ihre Holzhäuschen erinnerten Tatsächlich etwas an den wilden Westen und das einzige das fehlte war ein Salon irgendwo in der Prärie, wo ich mir ab und zu ein kühles Bier hätte reindrücken können. Die meisten Siedlungen in Kambodscha sind nicht Städte, sondern kleine Dörfer, wo es ein paar Essenstände gibt, in denen auf offenem Feuer gekocht wird. Daneben stehen ein paar kleine Lädeli, die eher aussehen wie Garagen aus Wellblech oder einfach auf allen Seiten offen sind und ein Palmenblätterdach haben und Zwieback sowie kalte Getränke aus einer Kühlbox anbieten. An den Strassenrändern stehen oftmals kleine Stände, die Benzin in 1 ½ Liter Glasflaschen verkaufen, weil es weit und breit keine Tankstelle gibt. Mir gefällts hier super J Und es gibt unglaublich viele Kinder, viel mehr als alte Menschen. Die meisten haben vermutlich irgendeinen Radar für velofahrende Barangs (Ausländer), denn egal wie weit weg sie sind, ständig wird aus irgendeinem Fenster, Tümpel oder Gebüsch «Hello» gerufen und ich habe keine Ahnung woher das gerade kam J Ein anderes Wort, das die Kinder auch schon extrem gut beherrschen ist "Money", so oft wie hier hab ich das noch nirgends gehört.

Es war schon dunkel, als ich am zweiten Abend in ein Dorf kam und einen Mann fragte, obs hier irgendwo einen Ort zum Übernachten gibt. Dieser versuchte mir ein paar Minuten lang auf Kambodschanisch zu erklären, wo ich es finden könne und als er merkte, dass ich absolut keine Ahnung hatte wovon er sprach, schnappte er sich sein Velo und führte mich zwei Kilometer durch den mittlerweile stockfinsteren Dschungel zu einem Homestay in einem dieser tollen Stelzenhäuschen. Das herzige Manndli und Fraueli dort sprachen zwar auch kein Wort Englisch, gaben mir aber zu verstehen, dass sie bereits einen Gast für die Nacht hätten und nun keinen Platz mehr haben. Als ich mich verabschiedet hatte und bereits weiterfahren wollte, winkten sie mich wieder zurück und zeigten mir ein Zimmer, wo ich nun doch schlafen könne. Dann kochte sie mir auf ihrem Holzofen eine reichliche Portion Reis und Fleisch und fütterte mich so richtig durch J Ich merkte erst am nächsten Morgen, dass sie mich in ihrem persönlichen Bett schlafen liessen und sie die Nacht auf dem Boden der Veranda verbracht hatten…

 

 

Nachdem ich am nächsten Morgen zwei Platten geflickt hatte, gings weiter durch die schönen Hügel von Südkambodscha bis 10 km vor die Thailändische Grenze. Mein Plan war es, in den nächsten drei Tagen über einen ungeteerten Pfad die abgelegenen Kardamom Berge zu überqueren und anschliessend nach Angkor Wat zu radeln. Im Internet fand ich zwei Erfahrungsberichte von Mountainbikern, wovon die Einen das Vorhaben wegen Regen und Schlammstrassen abbrechen mussten. Und wie könnte es anders sein, am Morgen als ich aufbrach regnete es und über den Bergen hingen dunkle Wolken. Nach kurzer Zeit machte ich wieder kehrt da ich grad nicht so recht Lust hatte, mein Velo 250 Kilometer durch den Schlamm zu schieben. Der Wetterbericht sagte eine Woche Regen voraus und so begrub ich mein Vorhaben etwas enttäuscht. Das war leider ein etwas ungünstiger Ort um nicht auf meiner vorgesehenen Route weiterfahren zu können, denn hier gibt’s nur die Ost – West Strasse, auf der ich die letzten drei Tage bis vor die Thai Grenze gefahren bin. Da ich aber nicht schon nach Thailand wollte und auch nicht den ganzen Weg wieder zurück radeln wollte, fuhr ich am nächsten Morgen mit dem Bus in die Hauptstadt Kambodschas, nach Phnom Penh.

 

 

Auf den ersten Blick ist Phnom Penh eine richtig hässliche Stadt. Die Strassen sind zerlöchert, Häuser fallen auseinander, überall liegt Abfall rum und neben den einzelnen Kolonialhäusern stehen ein paar eklige Betonklötze, die man schon aus der Ferne sieht. Auf den zweiten Blick macht genau das den Charme dieser Stadt aus. Es ist viel weniger hektisch als in Hanoi oder Saigon, es gibt viele kleine Essensstände, an den bröckelnden Balkonen hängt die Wäsche zum Trocknen und in den Gassen findet man immer wieder ein interessantes altes Haus das wohl Bände sprechen könnte. Es machte richtig Spass, planlos durch die Gassen zu laufen und nach diesen kleinen Details Ausschau zu halten, statt sich die wenigen Touristenattraktionen anzusehen. Natürlich hab ichs dann mit den Attraktionen nicht ganz sein lassen können und schaute mir das Foltergefängnis der Khmer Rouge, das Tuol-Sleng-Genozid Museum, an. Es war richtig bedrückend, die engen Zellen, die Folterinstrumente, die Totenschädel und die Bilder der mindestens 12`000 Menschen zu sehen, die hier für irgendein fiktives Geständnis zu Tode gefoltert wurden oder nach dem Geständnis mit einem Messer ermordet wurden. Sie wurden übrigens mit einem Messer umgebracht, weil es ein Geheimgefängnis war und man sich einerseits die Kosten für die Kugeln sparen wollte und andererseits keinen Lärm durch die Schüsse verursachen wollte. Während der Khmer Rouge Herrschaft in den 80er Jahren wurden in Kambodscha etwa 2 Millionen Menschen umgebracht, das sind 1/5 bis 1/4 der ganzen Gesellschaft und keine Familie blieb davon unbetroffen. Zuerst mussten die Stadtmenschen, die Gebildeten und die Kunstschaffenden daran glauben, weil der kommunistische Führer Pol Pot die Nation zurück ins letzte Jahrtausend, in die Glanzzeit der Angkorianischen Gesellschaft, katapultieren wollte, als die Gesellschaft vorwiegend aus Bauern bestand und diese tollen Tempel baute. Aber auch die Landbevölkerung raffte nach und nach unter den harschen Arbeitsbedingungen, den Hungersnöten und dem willkürlichen Morden dahin, bis die Khmer Rouge schliesslich von der Vietnamesischen Armee niedergeschlagen und die Bevölkerung befreit wurde. Als die Vietnamesen in die seit Jahren verlassene Stadt Phnom Penh einmarschierten und das Tuol Sleng fanden, gab es gerade noch 7 Überlebende im Gefängnis.

Nach dem Foltergefängnis hatte ich vor, mir die Killing Fields anzuschauen, wo sich eine Unzahl von Massengräbern befindet. Ich hatte aber irgendwie genug gesehen und so liess ich es schliesslich aus.

 

 

Jetzt gings zur Abwechslung mal mit einem Schnellboot weiter und nach 6 Stunden war der grösste See Südostasiens überquert. Während der Regenzeit schwillt der Tonle Sap zu einem 5-fachen Volumen an und am Rand des Sees stehen bis zu 15 Meter hohe Stelzenhäuser, die während der Regenzeit kaum übers Wasser ragen. In Siem Reap kaufte ich mir einen Mehrtages-Pass für die Ankor Tempel und verbrachte die nächsten zwei Tage mit Kulturprogramm inmitten dieser unzähligen und eindrücklichen Tempel. Bei Fragen zu Angkor Wat könnt ihr euch gerne melden, ich hab auch etwa 600 Fotos davon wenn jemand noch mehr sehen möchte ;)

 

 

Siem Reap ist eine Touristenstadt par excellence und bietet neben einer Pub Street, Hard Rock Cafe, unzähligen Souvenierlädeli und Frauen im Mini Jupe die einen «Massieren» wollen auch kleine Essensstände, wo man viele mundwässernde Sachen wie frittierte Heuschrecken, Vogelstpinnen, Skorpione, Schlangen und sonst alles was so herumkrabbelt essen kann. Und da ich schon seit Ewigkeiten mal Skorpion essen wollte packte ich die Gelegenheit und verdrückte mit einem leichten Brechreiz diesen knusprigen Snack mit BBQ Sauce. Ich hab mal einen Kambodschaner gefragt, obs auf dem Land gefährlich sei mit all den Giftviechern hier. Er meinte lächelnd, dass ich wohl kaum auf Schlangen oder Spinnen treffen werde, denn die werden alle gegessen J

 

Von hier an fuhr ich auf der Hauptstrasse nach Battambang, die zweitgrösste Stadt Kambodschas. Der Verkehr auf den Strassen ist viel angenehmer als in Vietnam und jetzt kommts, es wird kaum gehupt, juhuuu J Leider sind die Strassenränder, die Dörfer, ach eigentlich überall ist alles zugemüllt. Ich hab noch nie ein Land gesehen, in dem so viel Abfall herum liegt, was richtig schade für dieses eigentlich so schöne Land ist. Da fallen die plattgefahrenen Ratten und Schlangen auf der Strasse gar nicht mehr richtig ins Auge ;) In Battambang gibts unzaehlige Coiffeurstuebli und da ich seit China die Haare nicht mehr geschnitten habe, liess ich mal einen kambodschanischen Profi ran. Ich kam mir vor wie im Film "Edward mit den Scherenhaenden" und nach 5 Minuten meinte er "Finish, model Cambodia". Stimmt fuer mich, und fuer einen Dollar ists gar nicht mal so schlecht geraten :)

Nach zwei weiteren Tagen durch eine schöne hügelige (und vermüllte) Landschaft war ich schon an der Thailändischen Grenze und bin gespannt, was mich dort erwarten wird. Bis Bald und frohe Weihnachten allerseits J

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Jonny B. (Samstag, 24 Dezember 2016)

    Dr verglich mitäm Neil Armstrong xD

  • #2

    Kim (Samstag, 24 Dezember 2016 13:48)

    Wooow was du alles erlebst. David und ich sitzen in Siem Reap und morgen geht es weitter nach battambang spannend was du alles erzählst. Wir wünschen dir schöne Weihnachten und ganz viel spass mit deiner Familie Big hug

  • #3

    Sebu (Samstag, 24 Dezember 2016 14:24)

    Schöni wiehnachte tschörtschu
    Bis zum nächste blog

  • #4

    Tuliyani (Sonntag, 25 Dezember 2016 11:10)

    Wow George! Amazing photos! We keep missing you though. We just made it into Cambodia 2 days ago. Have fun in Thailand! Hopefully we cross paths again!

  • #5

    Mam (Mittwoch, 28 Dezember 2016 11:31)

    Wow George.... einfach traumhaft und mega spannend zu lesen was du alles erlebst... ich umarme dich....