China Part 4, Provinz Yunnan

Yunnan ist die Traumdestination vieler China-Reisenden, welche mit ihrer vielfältigen Natur, Kultur und schönen Stadtnamen wie Dali, Kunming und ShangriLa viele Touristen anlockt. Im Norden ziehen endlos scheinende Hügel ihre Bahnen, im Osten bildet ein weites Becken den Brotkasten dieser Provinz, im tropischen Süden lebt die Hälfte aller Minderheiten Chinas und im Westen ragen hohe Berge des Himalayas in den Himmel.

Yunnan, dort wo all die schönen Reisemagazin-Föteli Chinas herkommen, war auch für mich ein Highlight dieser Reise, und so fuhr ich voller Vorfreude in die verregneten Hügel des Nordens los. Nachdem ich in an den touristischen Orten wie Chengdu, EmeiShan und LeShan war, fühlte ich mich hier wie in einer vergessenen Welt und dementsprechend wurde ich auch hier von den Bauern angeschaut. Auch die Regierung scheint diese Region etwas vergessen zu haben und ohne die Einnahmen des Tourismus, wie sie im Westen und Süden Yunnans vorkommen, sind viele Orte eher heruntergekommene Beton- und Blechsiedlungen. Die Landschaft war jedoch immer mehr von schönen Getreide-, Mais- und Reisterrassen geprägt, welche sich an den unzähligen Hängen entlang zogen und unter den tiefliegenden Wolken ein bisschen vom tristen Wetter ablenkten. Je länger ich unterwegs war, desto öfter fuhr ich an Strassensperren heran, wo die Strasse aufgerissen waren oder wo riesige Erdrutsche die Weiterfahrt unmöglich machten. Bei den kleineren Erdrutschen konnte ich das Velo einfach über das Geröll tragen und hatte dann die ganze Strasse für mich, was also ziemlich cool war :) Man glaubt gar nicht wie schön es ist, mal eine Stunde lang nicht angehupt zu werden. Dort, wo die Strassen über hundert Meter verschüttet waren, halfen mir meist die Bauarbeiter beim Gepäck und Göppel rüber tragen, wofür ich ihnen richtig dankbar war. Jedenfalls wurde es nie langweilig, denn jeden Tag gab es mindestens ein Hindernis, welches überquert werden musste :)

 

Ich war mir bewusst, dass mich hier einige Höhemeter erwarten würde und es ging tatsächlich feiächli ufä und abä. Hügel sind hier vielleicht das falsche Wort, denn die Strassen bewegen sich ständig zwischen 500 – 2700 Meter, was aber natürlich nichts im Vergleich zu den 7000 Meter Bergen weiter westlich ist. Drum nennen wir sie einfach mal Hügel ;) Abends fiel ich meist erschöpft ins Bett eines heruntergekommenen Gasthauses, wo ich mich zusammenreissen musste noch etwas zu essen bevor ich auf der Stelle einschlief. Manchmal hatte ich Glück und kam an einem grösseren Dorf vorbei (also für Schweizer Verhältnisse eine Grossstadt), wo ich ein normales Hotel fand und die ganze Nacht den Sound vom Karaoke Lokal nebenan geniessen durfte. Karaoke scheint hier im Süden eine beliebte Freizeitbeschäftigung zu sein und schon am Nachmittag wird feuchtfröhlich ins Mikrofon gegrölt. Es ist echt witzig wie sich das jeweils entwickelt, denn ab dem frühen Abend werden die Stimmen immer schwammiger und ab 19:00 Uhr haben sie bereits dermassen einen am Sender vom chinesischen 3% Bier, dass sie kaum mehr einen anständigen Ton rausbringen.

 

 

Wo war ich? Ah ja, viele Höhemeter. Mit dem Ziel Kunming, die Hauptstadt von Yunnan, fuhr ich weiter bergauf und bergab, bergauf und bergab, ich glaube ihr seht worauf ich hinaus will ;) Nach einem ziemlich saftigen Anstieg von 1300 Höhemetern kam ich in ein kleines, wirklich hässliches Dorf und freute mich so richtig auf ein leckeres Zmittag. In den Restaurants in dieser Gegend steht meist einfach ein Kühlschrank mit verschiedenem Gemüse und Fleisch herum, wo man sich die Zutaten für die Nudelsuppe auswählt und jeden Tag mehr oder weniger dasselbe isst. Nudelsuppe. Nachdem ich auf vier verschiedene Zutaten gezeigt hatte servierten die mir doch tatsächlich vier Teller mit jeweils einer vollen Portion der Zutat plus einem Kübel Reis. Ich blick in diesem Land einfach nicht durch, das reicht ja für ein Weihnachtsessen einer Grossfamilie und die haben echt das Gefühl, dass ich das jetzt alles wegspachtle? Wo ist meine Suppe, heiligä bimbam??? Kaum habe ich zu essen angefangen setzte sich eine der Serviertöchter neben mich, legte ihren Kopf auf meine Schulter und machte ein Selfie, dann ein zweites und ein drittes... Das ging so weit, dass schlussendlich fünf Frauen und der Koch um mich herum standen und etwa 400 Fotos von mir machten, während ich ass. Anfangs habe ich noch ganz brav mitgemacht und nett in die Kamera gelächelt, aber irgendwann wurde das Essen kalt und so ass ich einfach weiter und versuchte die Fotografiererei zu ignorieren. Ich hab mich ja schon einigermassen an diese Stalkermentalität gewöhnt und ich mach auch gerne mit, wenn mich jemand um ein Foto fragt. Aber beim Essen ununterbrochen fotografiert zu werden ist etwas vom Unangenehmsten, das ich je erlebt habe und ich kann mich jetzt gut in die armen Pandabären hineinversetzten, die täglich zur Fütterungszeit von tausenden Leuten begafft werden (ich eingeschlossen…). Privatsphäre ist in China, zumindest für unsere Verhältnisse, praktisch inexistent. Das hat auch was Gutes, denn wenns drückt kann ich überall hin pinkeln wo ich will, ohne dass sich jemand daran stört. Aber wenn man aus einem Land wie der Schweiz kommt, wo die Privatsphäre eines der höchsten Güter ist, dann ist das hier manchmal schwer zu ertragen. Sigs wis well, schlussendlich habe ich trotzdem fast alle Teller leer gegessen und bin dann so schnell wie möglich abgehauen ;) Nach zwei weiteren Stunden war ich schliesslich auf den Pass und freute mich wie ein Kind auf eine gigantisch geile Abfahrt von 2600 MüM auf 500 MüM. Daraus wurde aber leider leider nichts, denn auch hier war die Strasse nicht unbedingt das, was in der Schweiz eine Zulassung erhalten würde. Als ich ziemlich durchgeschüttelt unten ankam bemerkte ich, dass ich nun den Yangzi Fluss erreicht hatte, den grössten Fluss Chinas. Was für eine tolle Überraschung, diesen eindrücklichen und riesigen Fluss an so einem abgelegenen Ort zu sehen! In einem kleinen Dörfchen fand ich ein Guesthouse  und ging abends noch ein bisschen zu Fuss durch das Dorf. In den meisten Dörfern findet man leider überhaupt nichts von der schönen alten chinesischen Architektur und auf den staubigen Strassen herrscht eigentlich immer Baustelle und reges Treiben. Aber irgendwie mag ich diese Dörfer und schaue gerne den Leuten zu, denn hier hat das Leben einen ganz anderen Rhythmus als in den Metropolen und den Touristenorten. Von hier an gings nicht mehr lange bis nach Kunming und ich freute mich schon richtig darauf, nach den anstrengenden zwei Wochen einfach ein paar Tage in der Stadt zu faulenzen :)

 

Ich weiss nicht warum, aber ich finde den Grossstadtverkehr immer richtig toll und es machte auch hier wieder wahnsinnig Spass, in die Stadt Kunming zu fahren und mit den hunderten Rollern und Autos mitzufliessen. Kunming hat zwar gemäss Reiseführern nicht wahnsinnig viel zu bieten, aber ich fand es trotzdem eine schöne Stadt mit ihren Tempelanlagen, dem Stadtpark am See und dem Blumenmarkt. Ich hatte richtiges Wetterglück und als ich in Kunming ankam schien nach einer schier endlosen Zeit endlich die Sonne wieder. Man nennt sie wohl nicht umsonst «Die Stadt des ewigen Frühlings» und auf einer Höhe von 2000 MüM herrscht trotz ihrer südlichen Lage ein richtig angenehmes Klima. Im Hostel lernte ich eine Französin kennen, mit welcher ich die Stadt anschaute und im Stadtpark mit den alten Menschen in ihren traditionellen Kostümen mittanzten. Das war ein riesen Spass und obwohl wir keine Ahnung von den Tantzschritten hatten, oder gerade deswegen, fanden es auch die Chinesen ziemlich lustig :) In Kunming überlegte ich mir auch, wie ich als nächstes weiter will. Im Süden Chinas gibt es so viele Orte, die es zu erkunden gäbe, aber jetzt beginnt die Golden Week, die Nationalen Feiertage, die den Inlandtourismus ankurbeln sollen. Gemäss Nachrichten werden dieses Jahr 700 Millionen Chinesen auf den Maibummel gehen und Hotels sind schon Monate im Voraus ausgebucht. Das hörte sich für mich wie ein Albtraum an und ich wurde schon von einigen Chinesen gewarnt, dass auf den Strassen die Hölle los sein wird. Drum entschied ich mich kurzentschlossen, anstatt mir die touristischen Orte Yunnans anzuschauen direkt nach Vietnam zu radeln, das nur noch 450 Kilometer weiter südlich lag. Vorher musste ich mir aber noch das Vietnam Visum holen, was im Vergleich zu Zentralasiatischen Visas ein echtes Kinderspiel war. Ich musste zwar einen Aufschlag für den Express Service bezahlen, dafür hatte ich es noch am selben Abend. Drei Monate Vietnam, wohoo :) Bevor ich losfuhr musste auch das Velo nochmal in die Reparatur, denn dieses quietschte und chroste inzwischen wieder vor sich hin, dass es mir bei jedem weiteren Meter Leid tat. Die Landstrassen hier fordern langsam aber sicher ihren Tribut und ständig scheint etwas kaputt zu gehen. Manchmal sind die Strassen brandneu und in einem perfekten Zustand, und von einem Moment auf den anderen fährt man in einer üblen Matsch- und Dreckpiste, auf der man kaum mehr vorwärts kommt. Zumindest war ich jetzt schon mal auf den schlechtesten Strassen in der Geschichte der Menschheit und von hier an kanns ja nur noch besser kommen :) Und es freut mich zu verkünden, dass Italien einen Platz nach vorne gerutscht ist und nur noch auf dem 3. Platz der schlechtesten Strassen dieser Tour ist ;)

 

Als ich Kunming verliess, war ich irgendwie nicht so recht motiviert, denn einerseits gefiels mir, in dieser Stadt eine ruhige Kugel zu schieben, und andererseits wurde mir klar, dass dies die letzten Tage in China sein würden. Es gibt zwar das eine oder andere in China, das ich bestimmt nicht vermissen werde, aber im Grossen und Ganzen hats mir sehr gefallen und es ist kaum zu glauben, dass es jetzt schon zweieinhalb Monate her ist, seit ich von Kasachstan in dieses riesige Land geradelt bin. Gleichzeitig freute ich mich aber auch riesig auf Vietnam, und so radelte ich wieder in die Hügel gegen Süden. Auf den ersten 50 Kilometern bestand meine Aussicht nur aus grässlicher Industrie und einem riesigen Strassenlabyrinth, dass die Landschaft wie graue Adern durchzog. Nach einer grossen Portion Fried Rice am Mittag (yeah, keine Nudelsuppe!) bog ich auf eine kleinere Strasse ab und kam von hier an in eine wundervolle hügelige Gegend, wo wieder kleine Siedlungen den Strassenrand säumten und überall auf den Feldern gearbeitet wurde. Plötzlich kam die Sonne raus und ich wurde tatsächlich wieder angelächelt und sogar Frauen, die in China eher zurückhalten sind, winkten mir zu. Das war richtig toll und ich merkte wieder mal, wie viel so kleine Gesten ausmachen können. Auf der Strecke zwischen Chengdu und Kunming habe ich zwei Wochen lang kaum ein freundliches Gesicht gesehen, wurde misstrauisch angeschaut und gegrüsst wurde ich schon gar nicht. Ich fühlte mich ziemlich unwohl und kam mir blöd vor, wenn ich wieder mal wie ein Eindringling angeschaut wurde. Ich weiss, dass das nichts Persönliches ist, die Leute sind dort einfach misstrauisch gegenüber Fremden, auch gegenüber fremden Chinesen. Ich habe mir oft die Frage gestellt, wie wir Schweizer gegenüber Fremden sind. Sind wir auch so misstrauisch und abweisend? Aber hier im südlichen Yunnan änderte sich das schlagartig und es war richtig herrlich, nicht mehr diesen Blicken ausgesetzt zu sein. Die Hani Minderheit, die in dieser Region lebt, war das pure Gegenteil der Völker im Norden und riefen mir mit einem breiten Lachen ein «Heelllooooouu» zu, das sich zwar manchmal etwas zurückgeblieben anhörte, aber mich immer wieder aufs Neue freute ;) Während meinen Pausen konnte ich mich wieder in ein kleines Lokal zu den Einheimischen setzen, mit ihnen essen und trinken und sie freuten sich sogar über meine Anwesenheit. Hier machte es wieder richtig Spass und ich genoss das schöne Wetter, die angenehme Temperatur und die tolle Landschaft. Irgendwann wurden Pferde- und Eselskarren durch Wasserbüffel abgelöst, was ich echt super fand und mir bereits einen kleinen Vorgeschmack auf Südost Asien gab. Auf dem Weg an die Grenze schaute ich mir auch die Altstadt von Jianshui an, wo die jahrhunderte alten Gebäude mit wunderschöner Architektur noch so erhalten sind wie früher und glücklicherweise nicht so sehr von den Feiertagen betroffen war. Am Abend gönnte ich mir eine halbe gebratene Ente für umgerechnet 2.50, was ein bisschen anders aussieht als in der Schweiz, aber seht selbst ;)

 

 

Ich dachte schon, dass die Landschaft gar nicht mehr schöner werden kann, aber da war tatsächlich ein Ort schöner als der andere. Ich musste ständig anhalten um Fotos zu machen oder mich einfach eine halbe Stunde hinsetzen und die Landschaft bewundern. Das ständige Rauf und Runter war zwar anstrengend, aber ich wurde immer mit den herrlichsten Aussichten belohnt und fuhr jeden Tag mit einem Grinsen weiter Richtung Süden. Ich staune auch immer wieder über die Fitness der alten Menschen hier. Ich konnte es fast nicht glauben als ein altes Fraueli neben der Strasse von einer Mauer sprang, die höher war als sie selbst, ohne einen Mucks auf den Füssen landete und weiter ging als wäre es das normalste der Welt. Das sind wahre Ninja-Grosis hier :)

Irgendwann war es dann soweit und der letzte Tag in China war angebrochen. Von einem Dorf auf 1500 MüM gings auf der schönsten Abfahrt dieser Tour runter auf 50 MüM und neben dem Meer aus Bananenbäumen und der schwülen Hitze erinnerten nur noch die chinesischen Schriftzeichen daran, dass ich noch im Reich der Mitte war. Ich dachte daran, dass ich schon lange nicht mehr von der Polizei kontrolliert wurde, und prompt wurde ich paar Minuten später zur Seite gepfiffen und einer Passkontrolle unterzogen. Waren aber ganz nette Jungs die vermutlich nur etwas Englisch üben wollten, denn auf ihre einzige Frage, wohin ich denn bitteschön gehen wolle, gab es auf dieser Strasse nur eine Antwort; direkt nach Vietnam :) Auf den verbleibenden paar Kilometern bis zur Grenze liess ich mir nochmals meine zweieinhalb Monate in China durch den Kopf gehen, all die Erlebnisse, die Landschaften, Herausforderungen, Berge, Wüste, Grossstädte, die Menschen, die Moderne, die Antike, und ich bin mir sicher, dass dieses Land wieder mal besuchen werde! Es war sicherlich nicht immer einfach und zeitweise ein richtiges Abenteuer, aber ich werde die Reise durch China vermutlich gerade deswegen in toller Erinnerung behalten. Hach, wie ich das Rotzen, Schmatzen, Spucken, Rülpsen und Furzen vermissen werde ;)

 

 

Jetzt ist es glaub wieder mal Zeit für eine kleine Zwischenbilanz :)


Gefahrene Strecke China: 4`500 KM

Gefahrene Höhemeter China: 33`053 hm

Gefahrene Strecke Total: 10`500 km

Gefahrene Höhemeter Total: 86`134 hm

Zeit im Sattel: 553 h

Kürzeste Strecke: 48 km (Ak Tal - Song Köl / Kirgistan)

Längste Strecke: 202 km (Urumqi - Turpan / China)

      

Pannen (Ou jetzt wird’s interessant ;)

 

9x Platten (alle in China)

1x durchgescheuerter Reifen (China)

1x Veloständer gebrochen (Kirgistan)

2x Wechselauge gebrochen (Griechenland/Vietnam)

3x Speichen gebrochen (Vietnam)

1x Tretlager abgenutzt (China)

1x Zahnkranz hinten abgenutzt (China)

1x Kette gerissen (Türkei)

2x Velocomputer defekt (Iran/China)

1x Handy defekt (China)

1x Digicam defekt (Kirgistan)

 

Da käme noch einiges dazu, ich glaub ich sollte langsam ein bisschen besser auf mein Zeugs aufpassen ;)

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Bercher yänu (Donnerstag, 06 Oktober 2016 23:21)

    Heyya! Goerge, gniess dini zyt! Bisch e geile siech!

  • #2

    Grosi (Freitag, 07 Oktober 2016 14:19)

    Lieber George.es ist einfach grandios,deine Berichte zu lesen,kann gar nicht mehr aufhören,du schreibst so spannend,einfach super! Und was du alles erlebst,bist zu beneidend! Wir wünschen dir weiterhin viel Glück auf deinen Wegen und Strassen. Alles Gute . Grosi u Rene.

  • #3

    Corinne (Samstag, 08 Oktober 2016 21:56)

    Das wàren ja fast ideale bedingungen fûr challenge 14 und 15 ;-)

    Alles alles beste weiterhin für dich lieber george!!

  • #4

    mamen (Mittwoch, 19 Oktober 2016 09:14)

    Donnerwetter George... Was für eine Bilanz