China Part 3, Provinz Sichuan

Wie zum Teufel hab ich mir in Chengdu bloss eine Muskelzerrung geholt? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, aber am Velofahren konnten es nicht liegen, denn dieses befand sich zu dieser Zeit in einer wohlverdienten und längst überfälligen Reparatur.

Nach ein paar Tagen konnte ich das linke Bein kaum mehr bewegen und schlug mir die Zeit mit Bücher lesen, Jason Bourne im Kino schauen und Kaffee trinken um die Ohren. Eigentlich war das auch mal eine ganz angenehme Abwechslung, aber an einem sonnigen Palmenstrand mit einer kühlen Margherita in der Hand wäre es wohl ein bisschen lauschiger gewesen als in dieser nebligen Metropole mit 15 Millionen Einwohnern. Während ich auf die Reparatur meines Göppels wartete, freundete ich mich im Hostel mit ein paar Englischlehrern an, welche in einer Gruppe von ca. 50 Personen aus der ganzen Welt in diese Stadt eingeflogen wurden, um in den verschiedensten Schulen zu unterrichten. Viele von ihnen sind kaum 20-jährig, haben noch nie als Lehrer gearbeitet und wollen einfach eine Jahr lang Party in China machen. Als ich auch noch Englischlehrer aus Russland, Pakistan und Südafrika kennenlernte, die ziemlich lustig Englisch sprachen, dachte ich zuerst, die wollen mich auf den Arm nehmen. Vor allem der ständig mit dem breitesten Akzent rappende Pakistani wird wohl eine gute Klasse hervor bringen J  Am Wochenende ging ich mit einigen von ihnen in eine Disco, die grösser war als jeder andere Club, den ich je gesehen habe. Auch eine Dezibel Obergrenze gibt’s hier nicht wirklich, im Gegensatz zu den Stadtparks, wo Displays die Lautstärke der Stereoanlagen von den tanzenden Rentnern anzeigt J Im Club gabs tatsächlich gratis Alkohol für die Ausländer, welche als Prestigeobjekt angesehen werden und wiederum mehr Chinesen anlocken, denn je mehr Ausländer in der Bude sind desto hipper ist der Club. Einige der Englischlehrer wurden sogar zu einer Schuleröffnung eingeladen, wo sie sich lediglich hinstellen mussten und dafür mit einem 5-Gänger, Alkohol, BBQ, Übernachtung im 5-Sterne Hotel und obendrauf noch 100 Yuen belohnt wurden. Komische Welt, aber stimmt für mich :)

Apropos komische Welt; als ich vorhin aus dem Lebensmittelladen kam, stand vor mir ein kleiner Junge mit heruntergelassener Hose, welcher mal eben so vor den Eingang des Geschäfts pinkelte während die Mutter seelenruhig daneben stand und zuschaute...Wäre doch in der Schweiz auch ganz praktikabel, wenn man sein kleines Geschäftchen einfach dort erledigen könnte, wo`s gerade drückt, oder? ;)

 

 

Nach zwei Wochen waren die bestellten Ersatzteile endlich eingetroffen, das Velo wieder startklar und meine Zerrung einigermassen verheilt. Jetzt konnte ich endlich wieder los und das frisch geflickte Velo ging ab als hätten sie einen Motor reingebaut. Es machte richtig Spass, so durch den chaotischen Stadtverkehr zu radeln und die Blicke der überholten Rollerfahren waren einfach unbezahlbar, höhö :) 

Ich wollte schon lange wiedermal Wandern gehen und da passte es gerade perfekt, dass einer der vier heiligen Berge der Buddhisten auf dem Weg in Richtung Süden lag. Nach einem langen Tag auf dem Velo kam ich im touristischen Dorf Baoguo an, von wo aus ich eine zweitägige Wanderung auf den «Goldenen Gipfel» des Emei Shan machte. Phuu, diese 3000 Höhemeter waren also scho grad ä chli asträngend, aber das wars definitiv wert! Die tiefliegenden Wolken hüllten die in grünem Dschungel verborgenen Felsen und dutzenden Kloster in einen mystischen Schleier und die Aussicht war einfach bezaubernd. Der ganze Wanderweg verläuft über tausende steinerne Treppenstufen, die teilweise an den unglaublichsten Stellen in den Berg gebaut wurden, und ich musste ständig an die armen Geschöpfe denken, die diesen Wanderweg angelegt haben. Der Berg ist auch bekannt für seine Makaken, die einen ganz lieb und unschuldig anschauen und dann hinterlistig das Znünipäckli oder die Kamera klauen. So gings auch Vivienne, die nach einem «Affenangriff» nicht mehr alleine weiter wollte und von da an mit mir zusammen weiter ging. Ich fand die Makaken eigentlich ganz niedlich, vor allem das Junge, das sich an mein Bein klammerte und sich so etwa 100 Höhemeter mittragen liess. Ganz schön schlau, diese Viechli J Nach dem ersten Wandertag übernachteten wir in einem der vielen Kloster, welche Betten in günstigen Massenlagern bis hin zu Luxus-Suiten anbieten und, juhui, sogar eine Dusche hatten! Am nächsten Tag gings nochmal 1500 Meter rauf und ich bereute es ein bisschen, meinen Rucksack mit allem möglichen vollgestopft zu haben. Mit der mitgetragenen Ausrüstung hätte ich wohl auch eine Woche in der Arktis überlebt, aber da wusste ich ja noch nicht, dass alle paar Kilometer ein Essensstand steht und ein paar Turnschuhe und eine Regenjacke ausgereicht hätten... Der Gipfel war völlig von Touristen überlaufen, die sich mit Bus und Gondel den Aufstieg ersparten, aber die Aussicht über die grüne, von kleineren Bergen übersäte Landschaft war eine absolute Wucht! Den Weg runter machten ich auch auf die faule Art und nach zwei Stunden Busfahrt, in welchen ich von einem lustigen Mönch mit Strohhut unterhalten wurde, war ich wieder in Baoguo und verdrückte erst mal eine grosse Portion Kung Pao Chicken J

 

 

Heieiei, da folgt ja ein Highlight auf das nächste! Nach gerade mal 40 Kilometer war ich Leshan, wo drei grosse Flüsse zusammentreffen und einer der grössten Buddhas der Welt in den Fels gehauen wurde. Dieses Schmuckstück ist 71 Meter hoch, also so hoch, dass ich etwa zwei Mal in einen Zehen gepasst hätte… Auf den Fotos könnt ihr vielleicht die Grösse erahnen! In Leshan lernte ich auch fünf 18-jährige Coiffeure kennen, die mich in ihren Coiffeur Salon einluden und mir den neusten Schnitt auf dem chinesischen Markt verpassten. Das Studio im 18. Stock des modernen Wolkenkratzers ist der Treffpunkt der hippen und reichen Jugend der Stadt, wo nur auserlesene Gäste die Ehre erhalten und junge Mädels Schlange stehen für eine 300 Dollar Extension. Mein Coiffeur hatte eine riesen Freude, dass er mir die Haare schneiden konnte und gab sich extra Mühe, während die anderen Leute neugierig zuschauten und über meine "feinen europäischen" Haare staunten. Während dem Schneiden wurde mir noch ein Znacht serviert, was doch mal ne ganz nette Abwechslung zu einem normalen Coiffeurbesuch war :) Zum Schluss bedankten sie sich sogar, dass sie mich bedienen durften und schenkten mir im Austausch für ein Erinnerungsfoto den Haarschnitt... und jetzt bin ich offiziell der älteste Kunde des Studios, da fühle ich mich also schon ein bisschen geschmeichelt! ;)

 

Jetzt war ich im Süden Sichuans, wo die Leute vom Anbau von Reis und Mais leben und in kleinen, meist etwas heruntergekommenen Dörfern leben. Die Landschaft ist sehr hügelig und abgelegen und der feuchte Tropenwald und Bambus breitet sich aus soweit das Auge reicht. Besonders schön ist es, wenn der Bambus sich über die Strasse biegt, was dann wie ein Tunnel aus grünen Stängeln aussieht. In den letzten paar Wochen schiffte es fast durchgehend und wenn ich nicht vom Regen völlig durchnässt war, so war ich es zumindest vor lauter Schweiss vom ständigen Rauf und Runter fahren. Nach ein paar Tagen dachte ich, es wäre eine lustige Idee, auf der alten Nationalstrasse in Richtung Süden weiter zu fahren. Nach wenigen Kilometern war dann leider fertig mit Asphalt und ich wurde durchgeschüttelt wie ein Anfänger auf einem galoppierenden Pferd. Durch den Regen war der Boden richtig aufgeweicht und so schob ich das Velo immer wieder Kilometerweit durch eine dicke Schlammschicht, was die neugierigen Bauern dem Grinsen nach eindeutig lustiger fanden als ich. Andererseits war ich an einem so wunderschönen Ort, dass ich trotzdem richtig froh war, auf dieser Strecke unterwegs zu sein. Auf dem Land wird hart gearbeitet und es sind vor allem alte Menschen, die sich auch im hohen Alter noch auf den Feldern abrackern. Ab und zu sieht man eine antike Maschine, aber die meiste Arbeit wird von Hand verrichtet und alte Frauen tragen schwere, am Rücken angebundene oder über eine Bambusstange gehängte Körbe von einem Dorf ins nächste. In dieser Gegend kriegen sie leider nicht viel vom neuen chinesischen Wohlstand ab und ich habe jeweils richtig Mitleid, wenn mir ein altes abgemagertes Manndli mit leerem Blick entgegen kommt. In China ist eine Wampe ein Zeichen von Wohlstand und man erkennt ziemlich gut, wie es um die finanziellen Mittel dieser Bauern stehen muss. Es ist auch speziell, dass es hier erstaunlich viele kleine Menschen gibt. Jaaa ich weiss, ich bin auch nicht der Grösste ;) Aber die Meisten reichen mir knapp bis an die Schultern, und das ist eher die Regel als die Ausnahme. Nach 7 Stunden, 60 Kilometern, 1300 Höhemetern und einem durchgescheuerten Pneu kam ich wieder auf eine perfekt asphaltierte Strasse, wo ich eine falsche Abzweigung erwischte und 30 Kilometer in die falsche Richtung fuhr. Meine verschiedenen Karten und Apps sind hier leider recht Nutzlos und viele Strassen sind gar nicht erst eingezeichnet oder existieren nicht mehr. Auf den kleineren Strassen ist leider auch nichts mehr mit englischer Übersetzung auf den Wegweisern und so fahre ich halt wie`s mich gerade dünkt J

 

Im nächsten kleinen Dorf kaufte ich mir in einem Laden etwas zu Essen, als ein Mann mit seinem Kind das Geschäft betrat und der Kleine sogleich in Tränen ausbrach als er mich sah. Huch, das war jetzt wirklich nicht meine Absicht, sehe ich schon so schlimm aus? Der Vater gab mir zu verstehen, dass die Leute hier einen Bart unheimlich fänden und sein Kind wohl noch nie so etwas Gruseliges wie ein Gesicht mit Haaren gesehen habe…  Und da ich weiss Gott keine Kinder erschrecken will, rasierte ich noch am selben Abend den Bart ab und siehe da, seither habe ich kein Kind mehr zum Weinen gebracht ;)

 

In dieser Gegend gibt es auch unheimlich viele Krabbelviecher und es kommt nicht selten vor, dass ich mein Zimmer mit einer faustgrossen Spinne teile, welche sich jeweils ziemlich ungünstig unter meinem Bett versteckt, wenn ich sie erschlagen will. Ja ich weiss, das ist nicht gerade die buddhistische Art mit Tieren umzugehen, aber ich teile mein Zimmer nicht so gerne mit 8-beinigen Kreaturen, welche mich im Schlaf auffressen könnten ;) Auch das Essen ist zwar immer lecker, aber manchmal auch etwas speziell und ich will gar nicht wissen, was ich schon alles auf dem Teller hatte. Jedenfalls bin ich froh, wenn ich erst nach dem Essen erfahre, dass die Sauce zum Hühnerkopf-Eintopf mit dem Saft ausgepresster Maden verfeinert wurde, dann kann mir später während der Weiterfahrt noch ein bisschen Übel werden :P

 

 

Nach dem Weg fragen ist leider meist auch nicht sehr hilfreich. Auf dieser Strecke zwischen Chengdu und Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, gibt’s vermutlich noch weniger Touristen als in den anderen Gegenden, in denen ich bisher unterwegs war. Ich werde oft lange und misstrauisch angestarrt, als wäre ich ein fremder Eindringling der etwas böses vorhat. Wenn ich jemanden Grüsse gibt`s oft keine Reaktion, wenn ich in einem Lebensmittelladen etwas kaufen will, werde ich von Mitarbeitern auf Schritt und Tritt verfolgt, damit ich auch jaa nichts stehle und junge Chinesen machen mit ihren Handys «unauffällig» Fotos und Videos von mir, wenn ich gerade eine Pause mache, in einem Restaurant esse oder im Laden einkaufe. Natürlich gibt’s auch hier sehr freundliche und hilfsbereite Menschen, und es ist immer wieder schön und motivierend, wenn ich mit einem fröhlichen «Hello» gegrüsst werde. Vor allem in den Dörfern der muslimischen Hui-Chinesen sind die meisten Leute sehr freundlich und wollen sich mit mir unterhalten. Aber je weiter südlich ich fahre, desto mehr komme ich mir vor wie eine Attraktion im Zoo, was mit der Zeit etwas nervig ist. Dafür waren die meisten chinesischen Hunde bisher super cool drauf und kamen Schwänzchen wedelnd auf mich zu oder liessen mich ungestört vorbei fahren. Ausser hier im Süden. Hier sind die Hunde scheisse. Zum Glück sind sie hier meisten angekettet und ich wurde erst zweimal gejagt. Aber ich habe einen neuen Trick, wie ich mir die Biester vom Leib halten kann J Ich fahre mit einem anständigen Tempo weiter und warte, bis sie mich eingeholt haben und genau hinter meinem Hinterrad sind. Dann gibt’s schnell eine Vollbremse und einen kleinen Ruck, wenn der dumme Hund kopfvoran ins Hinterrad secklet und verwirrt von dannen zieht. Das hat bisher prima geklappt und ist zu 100% effektiv J

 

Abgesehen von diesen kleinen nervigen Sachen habe ich mich komplett in China verliebt! Dieses riesige Land ist so vielseitig wie kaum ein anderes, das Essen ist herrlich, die Kultur und Architektur ist faszinierend und jeder Tag bietet etwas Neues. Ich glaube man kann ein Leben lang hier herumreisen und hat immer noch nicht alles gesehen, was China zu bieten hat!

Liebe Grüsse und bis bald J

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Corinne (Dienstag, 20 September 2016 21:32)

    Wenigstens hat der Fahrer vom rollenden TV Geschâft noch einen Helm auf ... Es könnten ja Geráte wâhrend der Fahrt auf seinem Kopf fallen :-)
    Und diese leckeren Engerlinge in der Bratpfanne ... Yummie ...
    Toll uns so teilhaben zu lassen George !
    Ich fûhle mich mittendrin statt nur dabei :-)
    Liebe grûsse corinne

  • #2

    Mamen (Samstag, 24 September 2016 09:42)

    Die Bilder sind eine Wucht George und manchmal wünschte ich, ich könnte dabei sein... Aber dank deinen Berichten sehe ich diese Welt mit neuen Augen ...
    Ich vermisse dich ...

  • #3

    Anita (Montag, 26 September 2016 11:22)

    Hey George. Es isch genial, was du so aus erläbsch. U gschribe isches ou immer aues super spannend. Wünsche dir uf dire Reis wyterhin so viu schöni Ydrück. Liebi Grüess