Persia

Vorab eine tolle Nachricht; Im Iran gibt es praktisch keine Hunde! Nicht, dass ich Hunde nicht mögen würde, aber ihr kennt ja die Geschichten mit den Schäferhunden auf der Strasse ;)

 

Ich bin jetzt seit ziemlich genau 3 Monaten unterwegs und würde zur Feier eigentlich gerne ein Bierchen trinken, aber da es hier in den Läden nur so scheussliches alkoholfreies Gebräu mit Apfel-, Zitronen- oder Pfirsichgeschmack gibt, das sie «Alcoholfree Malt Beverage» nennen, trinke ich halt ein Caffee Latte (habe tatsächlich eines in Tehran gefunden :)

 

Tehran ist ziemlich gross. Naja eigentlich riesig! Die meiste Zeit verbrachte ich hier mit der Suche nach Konsulaten und dem Beantragen von Visas für die nächsten Länder in Zentralasien. Die Stationen der Metro kenne ich nach dem stundenlangen Hin und Her schon fast auswendig und habe ziemlich schnell gelernt, dass ich im hintersten und vordersten Waggon nicht einsteigen sollte, da diese nur für Frauen reserviert sind ;) Zumindest dürfen in den anderen Waggons Frauen und Männer gemeinsam fahren. In den Bussen wird es schon ein bisschen strenger gehandhabt, da sind die Frauen und Männer durch eine Abschrankung in der Mitte des Busses voneinander getrennt…

Nach 5 Tagen in Tehran verliess ich die Grossstadt und machte mich mit dem Bus auf den Weg in das Wüstenstädtchen Kashan. Nach 3 Stunden Fahrt kam ich in der kleinen, idyllischen Siedlung an und die hellbraunen, mit Stroh verputzten Lehmhäuser, Moscheen, Badehäuser und der alte Bazar gaben mir das Gefühl, in eine ferne, längst vergangene Zeit gereist zu sein. Die Menschen kaufen gemütlich in den kleinen Dorfläden ein, sitzen in einem der unzähligen Teehäuser zusammen und bei den 40 Grad nachmittags sind die Strassen praktisch leer. Und trotz der Touristenbusse, die hier gelegentlich eine Ladung abenteuerlustiger Rentner aus aller Welt abliefern, kommt man sich nachmittags

in den verlassenen Seitengassen vor, als wäre man der einzige Mensch auf einem fremden Planeten. Die traditionellen Herrenhäuser sind wahre Kunstwerke mit vielen offenen Räumen, Innenhöfen und schönen Gärten, in welchen man stundenlang herumsitzen kann und immer wieder ins Gespräch mit Einheimischen kommt. Und dank der Windtürme, sogenannten Badgirs, welche die heisse Luft am oberen Ende eingefangen und als abgekühlte Luft in die Innenbereiche weiterleitet, lässts sich in diesen Häusern richtig angenehm leben :) Im Innenhof eines solchen Hauses wurde ich von einer Gruppe Studentinnen angesprochen und sie erzählten mir, dass es nicht ganz so streng gehandhabt werde mit dem Umgang zwischen Männern und Frauen. Da bin ich jetzt aber schon ein bisschen erleichtert, denn als ich in einem Park in Tehran von einer Frau angesprochen wurde, die mir unter den bösen Blicken von vorbeigehenden Männern irgendetwas von «I want you» sagte und zweideutige Gesten machte, sah ich mich schon am Galgen hängen und wollte nur noch wegrennen. In diesem Land entdecke ich ganz neue Seiten an mir ;) Die Studentinnen konnten kaum mehr aufhören zu lachen und versicherten mir, dass das kein Problem sei, denn solange der Mann von der Frau angesprochen wird und nicht umgekehrt, bestehe keine Gefahr gehängt zu werden... Auch sonst werde ich hier oft von Leuten angesprochen, was dann so ähnlich lautet: «Hello Mister, welcome to my country, where are you from, how old are you, what`s your job, where is your lady, are you married, do you like Iran?». Am Anfang hatte ich noch etwas Mühe, mir all die auf einmal gestellten Fragen zu merken, aber da es immer dieselben Fragen sind, kennt man sie mit der Zeit auswendig. Wenn man sich ein bisschen länger mit den Männern unterhält kommt dann meist noch die Frage nach der lieblings

Pornodarstellerin, wobei bei den iranischen Männern Alexis Texas das Rennen ganz klar für sich entscheidet. Hier haben alle das Gefühl, dass Europa und Amerika ein einziger Pornopark mit nackten Menschen, Alkohol und Drogen ist. Es dauert dann immer eine ganze Weile bis ich sie davon überzeugt habe, dass die Menschen in Europa nicht alle nackt auf der Strasse herumlaufen :)

 

Am nächsten Tag schaute ich mir den Basar an, ass mich einmal durch alle Glacesorten und fragte mich, wo die Frauen wohl die Bikinis tragen, die hier verkauft werden… Im

Basar hängen bei den meisten Ständen Vogelkäfige mit Singvöglen und neben Welpen, Kaninchen und Enten werden hier tatsächlich auch gefärbte Küken verkauft, welche aussehen, als wären sie aus Ostereiern geschlüpft! Der afghanische Verkäufer Ali erklärte mir voller Freude, dass diese für Kinder zum Spielen seien. Im Basar wurde ich dann vom Architekturstudenten Mehdi angesprochen, welcher mich für den Rest des Nachmittags herumführte. Durch einen Hintereingang gelangten wir aufs Dach des Basars und ersparten uns so das «Eintrittsgeld», welches sonst den ahnungslosen Touristen von einem grimmigen Standbesitzer abgeknöpft wird. Vom Dach aus hat man einen fantastischen Ausblick auf diese fast surreale Wüstenstadt, die mich irgendwie an einen Star Wars Planeten erinnerte. Am Abend lud mich Mehdi in seine kleine Wohnung zum Kaffee und einer Folge «Game of Thrones» ein und erzählte mir, dass die meisten Leute hier gar nicht so fromm seien, wie sich das die islamische Regierung wünscht. Alkohol

und Drogen werden trotz der Verbote, zumindest von den Jugendlichen, ziemlich häufig konsumiert, viele seien gar nicht wirklich gläubig, Sex vor der Ehe gehört auch dazu und in der Wüste gibt’s Partys wo alles gemacht wird, was Gott verboten hat. Diese Schlingel sind also doch nicht so seriös wie wir glauben ;) Wenn man aber beim Trinken oder Konsum von Drogen erwischt wird, gibt’s Peitschenhiebe oder andere harte Strafen, beim vorehelichen Geschlechtsverkehr werden die beiden Unzüchtigen normalerweise zwangsverheiratet und wenn vor der Hochzeit ein Kind

zur Welt kommt, dann dürfen sich die beiden nie mehr trennen, sonst wird dem Mann nach alter islamischer Manier ein Arm und ein Bein abgehackt. Jä so läuft das hier also. Der Iran ist wirklich eine Welt für sich, mit den freundlichsten Menschen, die alles dafür tun würden, dass sich ein Gast wohl fühlt, und mit einer Regierung und Gesetzen, die für uns völlig absurd und nicht nachvollziehbar sind. Aber das hindert die Menschen hier zum Glück nicht daran, auch mal ordentlich auf den Putz zu hauen ;)

Nach zwei Tagen in Kashan fuhr ich mit Karin und Vesnah aus Kroatien mit einem Taxi zum uralten Bergdörfchen Abyane, wo die Frauen noch mit einem traditionellen weissen, mit Blumen bestickten Kopftuch ihre Dörrfrüchte verkaufen. Dann gings mit Vollgas und mit voll aufgedrehter iranischer Elektromusik der Wüste entlang und durch die Berge nach Isfahan, wo wir dem armen Kerl gerade Mal 15 Dollar pro Person zahlten, welcher jetzt noch 450 Kilometer zurückfahren musste :P

Isfahan ist die Hälfte der Welt, lautet ein persisches Sprichwort. Und der riesigen Imam-Platz mit den Springbrunnen und der Freitagsmoschee, die Parks mit Statuen von alten Dichtern, die orientalischen Paläste und die schönen Fussgängerbrücken, die abends voller Glace essender Iraner sind, geben einem wirklich das Gefühl, dass dies die Hälfte der Welt ist. Am Nachmittag

ging ich mit Christian und Daniel aus Deutschland und Salim aus Frankreich zur grossen Moschee, wo gerade das Freitagsgebet stattfand. Normalerweise muss man hier als Tourist Eintritt bezahlen, um sich die Moschee anzuschauen und während dem Gebet ist sie für Touristen geschlossen. Wir versuchten es trotzdem und nachdem wir die zwei Kontrollcheckpoints hinter uns hatten, sassen wir ganz vorne im Schneidersitz und mit ausgezogenen Schuhen unter den betenden Muslimen. Kaum hatten wir uns gesetzt wurden wir von einem Imam auf Farsi angesprochen und dachten schon, dass wir jetzt aus der Moschee geworfen werden. Ein daneben sitzender Mann übersetzte uns, dass wir herzlich willkommen seien und sie sich freuen, dass wir ihre Moschee und das Gebet besuchen. Das haben wir nun wirklich nicht erwartet :) Beim Gebet, dass ein kleiner Junge ins Mikrofon sang, hatte ich richtig Gänsehaut und es war ein spezielles Gefühl als alle aufstanden und Allahu Akbar riefen. In den Medien wird das meist mit schwarz vermummte Terroristen mit Messern und Panzerfäusten in Verbindung gebracht, aber hier wurden wir im Gegensatz dazu aufs Freundlichste empfangen und führten interessante Gespräche über die verschiedenen Religionen. Und als hätten wir einen Gegenbeweis für die Gastfreundschaft der Leute hier gebraucht kam der Ober-Imam, oder wie auch immer der genannt wird, mit einem Sturmgewehr daher und deponierte es hinter dem Rednerpult. Keine Ahnung wozu er dieses brauchte, aber wir beschlossen uns dann,

dass es wohl an der Zeit ist zu gehen ;)

 

Am nächsten Tag war des Geburtstagsfest des 12. Imams, welches im ganzen Iran ein heiliger Feiertag ist. Auf den Strassen waren überall Stände, an denen gratis Essen und Trinken verteilt wurde und überall war eine fröhliche Stimmung. An diesem Tag habe ich wohl keinen Rappen fürs

Essen ausgegeben und probierte mich durch alle iranischen Spezialitäten, die hier angeboten wurden :)

 

Keine Minute nachdem ich mich am nächsten Tag mit einer Glace in den Park gesetzt hatte wurde ich von Mojtaba angesprochen, welcher mich anschliessend durch die ganze Stadt führte. Wir wanderten etwa fünf Stunden herum und besuchten eine alte Armenische Kirche, welche nun als Museum dient. Mojtaba war zum ersten Mal in einer Kirche und fragte mich ganz erstaunt, warum hier überall Wandmalereien mit halbnackten Menschen und meschenfressenden Monstern seien ;) Irgendwie kam ich ein bisschen in Erklärungsnot und musste ihm Recht geben, dass in den Moscheen eine viel harmonischere Stimmung herrscht. Als er in der Kirchentoilette dann noch zum ersten Mal ein Pissoir sah war er völlig aus dem Häuschen und konnte nicht verstehen, wie man im Westen nebeneinanderstehend pinkeln kann. Hier gibt es praktisch nur Stehklos wo man sich auch beim Pinkeln darüber kniet und ich brauchte eine ganze Weile, bis ich mich an diese Dinger gewöhnt habe. Mittlerweile habe ich auch gelernt, dass man immer eine Rolle Klopapier dabei haben sollte, sonst kanns hier schnell mal zu einer bösen Überraschung kommen ;) Mojtaba erklärte mir auch, dass das ständige Hupen der Autos und Motorräder hier eine Art Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern ist. So kann es zum Beispiel bedeuten «Heute ist so ein schöner Tag», «Seht alle her, ich habe einen fast neuen Peugeot 206», «Achtung, ich komme und ich bremse nicht» oder «ACHTUNG ICH KOMME UND ICH BREMSE NICHT» usw. An der Art des Hupens kann man recht gut unterscheiden, welche Aussage gemeint ist ;) Rote Ampeln werden eigentlich nur beachtet, wenn ein Blitzkasten dahintersteht und das Überqueren der Strasse als Velofahrer oder Fussgänger wird manchmal schon fast zu einem

Abenteuer für sich.

Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg nach Shiraz und nahm ein Taxi zum Busbahnhof. Auf dem Weg dorthin lud mich der Taxifahrer zu seiner Familie zum Tee ein, denn es sei ja noch genügend Zeit bis zur Abfahrt des Buses. Nach dem Tee wurde mir noch eine Riesenportion Reis mit Fleisch und Gemüse aufgetischt, um mich für die Fahrt zu

stärken :) Schliesslich kam ich mit 15 Minuten Verspätung am Busbahnhof an und konnte gerade noch auf den bereits wegfahrenden Bus aufspringen. Nach sechs Stunden Busfahrt kam ich am Abend in Shiraz an, wo ich die nächsten drei Tage verbrachte. In dieser Gegend werden seit tausenden Jahren einige der besten Weintrauben angebaut, und jetzt ratet mal was sie seit der Revolution 1979 NICHT mehr daraus machen ;) Etwa eine Stunde von der Stadt entfernt liegt

Persepolis, die Hauptstadt des antiken persischen Reiches, welche von Darius dem Grossen und Xerxes gebaut wurde (vielleicht könnt ihr euch an den huerä männlichen Typen mit dem einen oder andern Piercing aus dem Film «300» erinnern ;). Es war richtig eindrücklich, im Zentrum dieser einstigen Weltmacht zu stehen, welches vor 2500 Jahren gebaut wurde. Um die Stadt von oben zu sehen wanderte ich auf einen Berg rauf und setzte mich auf einen Stein. Die Berge in der Ferne sahen mit ihrer Sichelform wunderschön aus und ich sass etwa eine Stunde nur da und schaute mir die Landschaft an. Als ich wieder aufstand riss der Stein auf dem ich sass ein Loch in meine Hose, und zwar nicht irgendwie am Hosenbein oder so, sondern genau da wo es in einem muslimischen Land ziemlich ungünstig ist. Aber wenn man sich nichts anmerken lässt, dann fällt es auch den wenigsten Leuten auf ;) Als der Besitzer des Hostels von meinem Malheure erfuhr wurde ich gleich von seinem Vater mit dem Motorrad zum Basar gefahren, um ein neues Paar Hosen zu kaufen, und seit dieser Fahrt sind meine Nerven maximal abgehärtet ;)

Danach gings weiter nach Yazd, einer weiteren wunderschönen Wüstenstadt mit alten Lehmhäusern und Windtürmen wie aus dem Bilderbuch. Tagsüber sass ich jeweils bis abends mit den andern Hostelgästen im Kaffee, weils draussen einfach zu heiss war. Das wird sicher ein riesen Spass, bei dieser Hitze mit dem Velo durch Zentralasien zu gurken ;) Am Abend besuchte ich die grosse Moschee und setzte mich beim Gebet einfach mal zwischen die Leute, wo ich sofort ins Gespräch mit den Leuten kam und wieder aufs Freundlichste willkommen geheissen wurde. Es ist einfach unbeschreiblich, wie man hier als Gast aufgenommen wird!

Jetzt bin ich wieder in Tehran, wo ich mich erneut hinter die Visa-Beschaffung machen muss. Das Uzbekische Visum habe ich bereits, judihui! Aber das Turkmenische Visum zu erhalten ist momentan unmöglich. Ich habe mich mit dutzenden anderen Reisenden über Alternativen unterhalten, einige nehmen das Flugzeug, andere fahren wieder nach Europa oder versuchen ein Russisches Visum zu erhalten. Ich habe mich nach langem Hin und Her dazu entschieden, einen Flug nach Kasachstan zu nehmen, von dort mit dem Zug nach Uzbekistan zu fahren und dann endlich durch Zentralasien weiter zu radeln. Jetzt hoffe ich nur noch, dass es mit dem Tajikistan und

China Visum klappt und dann kanns weitergehen :) Aber bevors soweit ist freue ich mich riesig auf den Besuch von Jonny und unseren Ausflug in die iranischen Berge nächste Woche :)

Zum Schluss möchte ich euch diesen lustigen Satz von einem Werbeplakat in Kashan nicht vorenthalten: «Women are beautiful creatures like Oysters, the pearl needs to be covered for protection». Haha soviel dazu, bis bald ;)

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Kommentare: 4
  • #1

    Mam (Dienstag, 31 Mai 2016 22:49)

    Soooo spannend und unterhaltsam! Eifach wahnsinn was du alles erlebsch...

  • #2

    Sebu (Mittwoch, 01 Juni 2016 06:53)

    I like tschörtschu...du bisch ume galge ume cho! Tolli sach...
    Super gschicht!

  • #3

    Corinne (Mittwoch, 01 Juni 2016 18:58)

    Da lernt man ja mehr als in der Schule im Geografie und Geschichte Unterricht ! Weiter so !! Du wàrst der perfekte Teacher !!

  • #4

    Peschä Utz (Mittwoch, 08 Juni 2016 15:54)

    Isch wieder Mau extrem spannend u lehrrich, was Du erläbsch u verzeusch. Vorauem machts üs d'Ougä uf, dass mä nid aui Mönschä i glich Topf cha keiä.
    Häb witerhin Sorg u gnieses. Liebi Grüess Peschä