One month in Turkey

Wo soll ich nur beginnen... Mittlerweile gehöre ich schon fast zur WG in Erzurum und nach einer Woche wollten mich Cem, Turgay, Ersen, Cenkay und ihre Kollegen kaum mehr gehen

lassen. Eigentlich hatte ich vor, sofort nach dem Erhalt des Iran Visums weiterzufahren, aber das sollte sich im Verlauf der Woche noch etwas ändern. Der erste Anlauf beim Iranischen Konsulat am Montag ging gleich in die Hose, da meine zwei Wochen zuvor bei der Visaagentur beantragte Referenznummer noch nicht übermittelt worden war. Das Gute daran war, dass ich so noch ein

bisschen länger in der WG bleiben konnte und mittlerweile richtig gut mit diesen Jungs befreundet bin. In der WG spricht eigentlich nur Turgay etwas Englisch, aber mit Händen und Füssen und der gelegentlichen Unterstützung von Google Translator konnten wir uns prima unterhalten. Die Unterhaltungen dauerten zwar jeweils doppelt so lange wie normal, aber wir hatten ja Zeit :) Es war immer wieder witzig, wie Cem und Ersen jeweils anfingen etwas auf Englisch zu erzählen, mitten im Satz nicht mehr weiterwussten und den Übersetzer zu Hilfe nahmen. Cenkay,

welcher gar kein Englisch spricht, kam jeweils gleich von Anfang an mit einem übersetzten Satz auf seinem Handy zu mir und grinste immer voller Freude, wenn wir uns so unterhalten konnten. Tagsüber trafen wir uns immer mit den Studenten vom Campingausflug, gingen zusammen auf die Slackline, machten Seilziehen, schauten uns die Stadt und den riesigen Uni-Campus an, gingen Cay trinken und unterhielten uns stundenlang über alles Mögliche. Mittlerweile sind die Jungs auch richtig gut im "Schnöizlen" und gewannen sogar regelmässig, aber Jassen war dann doch etwas zu kompliziert :) Erzurum ist die östlichste Grossstadt der Türkei und im Vergleich zum liberalen Westen viel religiöser geprägt. Auf den Strassen sind deutlich mehr Männer als Frauen zu sehen und viele Frauen tragen Kopftuch oder sind gleich ganz verschleiert. Für die 100`000 Studenten der Uni gibt’s kaum Freizeitangebote ausser einem unglaublichen Haufen Playstation-Salons und Wettstuben, wo wiederum nur Männer anzutreffen sind. Und in der ganzen Stadt gibt’s genau drei Bars, welche ab 21 Uhr Bier servieren und nach 22 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen dürfen. Ich konnte kaum aufhören zu lachen als ich das hörte :) So treffen sie sich in ihrer Freizeit halt eben meist zum Cay und freuen sich darauf, dass sie Erzurum nach ihrem Studium wieder verlassen können. An den rücksichtslosen Strassenverkehr im Osten der Türkei musste ich mich erst mal gewöhnen und ich hatte das eine oder andere Schwein, dass ich von meinen Kollegen zur Seite gezogen wurde, wenn ein Auto von hinten kam. Anfangs hatte ich jedes Mal beim Überqueren der Strasse Schweissausbrüche, aber das legte sich mit der Zeit ;)

Jeden Abend kamen Kollegen der Uni mit Taschen voller Patisserie um sich gemeinsam bis weit nach Mitternacht die NBA Playoffs oder die Realityshow «Survivor» anzuschauen. Zmörgelet wird dann mal gegen Mittag und hier im Osten der Türkei wird es immer schwieriger, an meinen Kafi zu kommen. Die Stadt ist voller Caffee`s, in denen aber eigentlich nur Tee getrunken wird und ich jeweils erst mal ungläubig angeschaut werde, wenn ich einen Kaffee bestelle :)

Am Dienstag wurde ich vom Mitstudenten meiner Gastgeber zum Abendessen bei seinen Eltern eingeladen, was ich natürlich gerne annahm. Die Mutter kochte ein traditionelles Menü namens

Mante, welches wie Ravioli aussieht, aber einiges besser schmeckt. Ich wurde richtig herzlich empfangen und mit viel Interesse über meine Reise ausgefragt, aber dass ich mit dem Velo umher reise konnten sie beim besten Willen nicht verstehen ;) Der Vater meinte voller Besorgnis, dass das doch viel zu hart sei und ich unterwegs überfallen oder verprügelt werden könnte. Da musste ich ihm teilweise Recht geben, aber die Chancen, in der Aarbergergasse in Bern ausgeraubt oder verprügelt zu werden, sind mindestens genauso gross… Zum Dessert gabs wieder in Zucker

getränkte Patisserie und langsam habe ich das Gefühl, dass ich den Rest meines Lebens keinen Zucker mehr sehen kann ;) Es war eine wundervolle Erfahrung, diese Gastfreundschaft zu geniessen und als Fremder an einen reich gedeckten Tisch sitzen zu dürfen. Auch von meinen Couchsurfing Gastgebern wurde ich ständig eingeladen und dass ich auch mal eine Runde bezahle kam gar nicht erst in Frage. So holte ich morgens jeweils das Frühstück wenn die anderen noch

schliefen, damit ich mich wenigstens ein bisschen revanchieren konnte.

Mitte der Woche hatte ich dann mein Iran Visum in der Tasche, aber Cem wollte unbedingt, dass ich an seiner Homeparty am Freitag dabei bin und so verlängerte ich meinen Aufenthalt noch ein bisschen. Cem, welcher eigentlich ein richtiger Strahlemann ist, gab sich richtig Mühe und

verbrachte etwa zwei Tage völlig gestresst am Handy, um genügend Frauen an die

Party einzuladen. Ab und zu verstand ich wieder ein paar Wörter und musste

lachen, wenn er ins Handy rief "Hey Kumpel…15 Jungs…10 Mädchen!…Allah Allah...ich

höre…Mädchen.Mädchen". Da hab ich schon ganz schön was auf Türkisch gelernt, he? ;) Die Party in der kleinen WG ging dann ganz schön ab und es wurde ununterbrochen zu House und türkischer Musik getanzt. Einer der Studenten brachte mir noch einen Kuchen als nachträgliches Geburtstagsgeschenk und alle sangen Happy Birthday, was mich richtig rührte. Als der Muezzins um 21 Uhr zum Gebet aufrief wurde die Musik kurz ausschalten, still auf dem Sofa gesessen und nach 3 Minuten gings wieder weiter wie zuvor :) Eine Studentin sagte mir, dass dies die erste Homeparty seit vier Jahren in Erzurum sei und ich ein richtiger Glückspilz sei, diese miterleben zu können. Morgens um drei gingen wir dann in ein Restaurant, wo es eine Rindfleischsuppe gab, die übersetzt «Kopf und Fuss» heisst. Ob da wirklich Kopf und Fuss vom Rind drin war, wollte ich gar nicht erst wissen, aber die Konsistenz des Fleisches war in etwa so wie ich mir das vorstellen würde…

Am Sonntagmorgen wurde ich zum Abschied von allen zu einem traditionellen Frühstück in einem antiken Museum/Restaurant eingeladen und es fiel mir richtig schwer, mich von dieser tollen Truppe zu verabschieden. Aber nun war es höchste Zeit weiter zu radeln und wir versprachen uns, dass wir uns entweder in der Türkei oder der Schweiz wieder sehen werden.

Die letzten 300 km bis zur Grenze führten durch die östlichsten Gebirgszüge der Türkei bis zum 5137 Meter hohen Mt. Ararat, auf welchem die Arche Noah wieder auf Land gestossen sein soll. Die Landschaft war wie aus einem Bilderbuch und trotz dem starken Wind genoss ich die Fahrt über die Pässe in vollen Zügen. Hier im Osten des Landes ist die Militär- und Polizeipräsenz überall spürbar und in jedem noch so kleinen Dorf sind schwer gesicherte Militärstützpunkte und Strassensperren eingerichtet. Der Kurdenkonflikt ist allgegenwärtig und es fühlt sich etwas speziell an, wenn einem ständig gepanzerte, kampfbereite Militärwagen entgegen kommen. In den letzten Jahren kam es im Osten des Landes immer wieder zu Anschlägen und ich habe meinen Kollegen in Erzurum versprochen, in dieser Gegend vorsichtig zu sein. Mit einem leicht kribbligen Gefühl machte ich mich auf den Weg und stellte etwas überrascht fest, dass die Menschen hier genauso freundlich sind wie auch sonst überall :) Ich wurde immer wieder zum Cay und zum ersten Mal überhaupt zum Kaffee eingeladen. Bei den Gesprächen mit den älteren Herren hätte ich statt Englisch genauso gut auch Berndeutsch sprechen können, denn sie verstanden sowieso kein Wort :) Aber erstaunlicherweise konnten wir uns trotzdem irgendwie verständigen und dank der wenigen türkischen Wörter die ich gelernt habe weiss ich jetzt, dass die 25 Jährige Tochter des Tankwarts in Istanbul arbeitet und der 56 Jährige Hirte unter Knieproblemen leidet ;) Die Kinder hier rennen mir auf der Strasse ständig aufdringlich hinterher und rufen "Money, Money", was mit der Zeit etwas nervt und ich fahre dann jeweils einfach weiter. Und auch die Hirtenhunde sind nicht unbedingt freundlicher als im Westen, aber mittlerweile habe ich raus wie man diese Köter fern hält :) Nach etwas mehr als einem Monat in der Türkei bin ich in Dogubeyazit angekommen und fahre morgen über die Grenze zum Iran. Wenn ich ehrlich bin war die Türkei für mich zuerst nur ein Transitland, das ich durchqueren musste, um Zentralasien zu erreichen. Aber ich durfte soviele schöne Sachen in diesem Land erleben, in die abwechslungsreichen Landschaften eintauchen und die Gastfreundschaft der Leute geniessen, dass es mir schon fast schwer fällt, dieses Land schon wieder zu verlassen. Aber auf das nächste Land freue ich mich schon lange und bin gespannt, was mich dort erwartet. Jetzt muss ich noch schnell meinen Flachmann gründlich reinigen und dann geht’s mit einer leichten Nervosität aber voller Vorfreude in den Iran :)

 

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