Ostanatolien

Voller Tatendrang verliess ich am Sonntagmorgen Göreme und fuhr durch eine Landschaft voller Feenkaminen, steiler Klippen und wundervoller Gesteinsformationen in Richtung Kayseri weiter. Das fahren ging wie von selbst und es fühlte sich schon fast ungewohnt an, nicht gegen den Wind antreten zu müssen :) Nach und nach änderte sich die Landschaft und irgendwann stand nur noch der Erciyes Dagi vor mir, welcher die Landschaft mit seinen 3917 Metern einsam dominierte. Es war ein wunderschöner Anblick, diesem schneebedeckten Vulkan bis Kayseri entgegenzufahren und ich konnte mich kaum auf die Strasse konzentrieren. Am Mittag erreichte ich die Grossstadt und es dauerte über eine Stunde, bis ich den Stadtdschungel wieder hinter mir hatte. Nach einem kurzen Mittagessen gings steil bergauf und ich fühlte mich, als hätte ich Power ohne Ende. Irgendwann spürte ich aber ein Stechen im linken Knie, welches schon seit mehreren Wochen ein bisschen Theater macht, und so machte ich nach 120 km Schluss und fand einen tollen Zeltplatz in einem verlassenen Picknick Areal.

Die Nacht war ziemlich kalt und nachdem ich 3 Kaffee zum aufwärmen gekocht hatte, fuhr ich auf der einsamen Strasse weiter bergauf nach Pinarbasi, wo ich in einem kleinen Dönerrestaurant einen Happen ass und mich mit dem Besitzer und einem Geschäftsmann unterhielt. Dieser zeigte mir auf der Strassenkarte, wo es überall gefährlich sein soll, also seiner Meinung nach so ziemlich überall und im Iran sowieso ;) Aber das hörte ich schon in Kroatien über Albanien, in Albanien über Mazedonien usw. Zum Abschied wurde mir das Mittagessen gleich spendiert und weiter gings durch die teilweise noch schneebedeckten Berge. Am Abend kam ich erschöpft bei einem Bauerndorf auf 1750 M.ü.M. an und war gottenfroh, dass ich hier endlich meine leeren Wasserflaschen an einem Brunnen wieder auffüllen konnte. Ein paar Stunden ohne Wasser und man ist schon aufgeschmissen. Und es wird einem bewusst, wie viel man pro Tag schon nur zum Trinken und Kochen braucht. Im Dorf fragte ich einen Bauern, ob ich auf einer Wiese zwischen den Bäumen mein Zelt aufstellen dürfe, worauf dieser den Kopf schüttelte und mir irgendetwas auf Türkisch erzählte. Nach mehrmaligem Fragen begriff ich dann, dass er mir sagen wollte, dass das Feld voller Schlangen sei welche mich beissen würden. Läck war ich froh, dass ich zuerst gefragt habe und mein Zelt dann auf einer Wiese neben dem Dorf aufstellen konnte. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass ich auf einer Kuhweide übernachtet hatte und der Bauer ganz schön ins Schwitzen kam als er versuchte, die Kühe von meinem Zelt zu verscheuchen ;)

Am nächsten Tag dachte ich mir, ich könnte doch zur Abwechslung mal eine Abkürzung über eine kleine Landstrasse nehmen, anstatt den normalen Weg um die Berge zu fahren. Nach kurzer Zeit fühlte ich mich in der sowieso schon spärlich besiedelten Landschaft wie der letzte Mensch auf Erden, weit und breit war niemand zu sehen, ab und zu kam ich an einem zerfallenen Dorf vorbei und ich hatte keine Ahnung, wie lange ich noch auf dieser Schüttelpiste unterwegs sein würde. Der Wind drückte meine Stimmung und seit langem hörte ich wiedermal Musik, um mich zur Weiterfahrt zu motivieren. Was würde ich bloss ohne die Rolling Stones machen? :) Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich mich immer wieder aufs Neue motivieren musste, kam ich in Kangal an, wo ich mich zur Stärkung erst mal mit Baklava vollstopfte. Beim Gespräch mit dem Bäcker stellte sich dann heraus, dass dies die Heimat meiner lieben vierbeinigen Freunde, der Kangal-Hirtenhunde, ist. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich bestimmt einen grossen Bogen um diese Stadt gemacht ;)

Auf die Bergetappe nach Divrigi freute ich mich richtig und ich fuhr so früh wie möglich los, um den Tag so richtig geniessen zu können. Bereits nach wenigen Kilometern wurde ich von Strassenarbeitern angehalten und ich dachte mir schon, dass die Strasse wohl gesperrt sei. Stattdessen schenkten sie mir Cay aus der Thermoskanne ein, versorgten mich mit Güezi und Zuckertäfeli und plauderten eine halbe Stunde fröhlich mit mir :) Nach den obligatorischen Abschiedsfotos waren es von hier aus über 1000 Höhemeter durch wunderschöne Berglandschaften mit atemberaubenden Ausblicken. Ab und zu hatte ich sogar Rückenwind und nach 3½ Stunden war ich auf dem Pass auf 1950 MüM. Es ist einfach herrlich, immer weiter rauf zu fahren und zu sehen, was sich hinter dem Hügel oder Berg verbirgt. Nach dem Pass gings als Belohnung innert 30 Minuten 800 Meter runter und innert kürzester Zeit stieg die Temperatur von 15 wieder auf 34 Grad. Ab und zu vergesse ich, dass ich beim Fahren den Mund schliessen und durch die Nase atmen sollte. Dann gibt’s hin und wieder einen nicht ganz freiwilligen Snack aus Fluginsekten, welche zwar proteinreich sind, mich aber nicht wirklich satt macht und mit etwas Aromat sicher besser schmecken würden… Kurz nach dem Mittag kam ich schon in Divrigi an, welches von hohen Bergen umgeben ist und für seine Unesco-Moschee bekannt ist. Ab und zu kam wieder ein Reisecar mit ein paar türkischen Touristen an, welche sich die Moschee anschauten, ansonsten war ich aber vermutlich der einzige Ausländer hier. Die kleinen Gassen, der grosse Markt und die alten Häuser verleihen dem Dorf noch einen richtig ursprünglichen Charakter. Die im armenischen Stil gebauten Moschee aus dem 13. Jahrhundert besitzt in einem Nebentrakt ein ehemaliges Krankenhaus, welches das Gebäude so besonders macht und glücklicherweise von der Zerstörung bei der mongolischen Invasion verschont blieb. Mein Knie hatte sich leider immer noch nicht erholt und so blieb ich noch einen Tag länger um abzuwarten, ob es wieder besser wird. Beim «Kuaför» liess ich mir für CHF 3.- wieder eine anständige Frisur schnippeln und ging am Abend in einem Restaurant Lahmacun essen, worauf mir die französisch sprechende Köchin noch eine Geburtstagstorte servierte, als sie erfuhr, dass ich morgen Geburtstag habe :)

Um mein Knie ein bisschen zu schonen, entschied ich mich an meinem Geburtstag mit dem Zug nach Erzurum zu fahren, wo ich mein Iran Visum beantragen werde. Die Strecke führt uns durch tiefe Schluchten und schmale Täler, welche von immer höher werdenden Bergen umgeben waren. Ab und zu machten wir Halt in kleinen Dörfern, welche keinen Strassenanschluss haben und nur durch die 3 Mal täglich haltenden Zügen mit der Aussenwelt verbunden sind. Beim Betrachten der Landschaft um mich herum bereute ich es ein bisschen, dass ich diese Strecke nicht selber

gefahren bin, aber für mein Knie wars wohl die richtige Entscheidung. In Erzurum wurde ich von meinen Couchsurfing Gastgebern Yusuf und Cem empfangen und wurde zur Feier des Tages in ihrer Studenten-WG mit einem leckeren Pilav bekocht. Zum Dessert überraschten sie mich sogar noch mit einem Geburtstagskuchen, Bier und Vodka und wir verbrachten einen lustigen Abend zusammen :)

 

Merci auch euch allen vielmals für all die lieben Glückwünsche, ich habe mich wahnsinnig darüber gefreut von euch zu hören! :)

Am nächsten Tag wurde ich von Yusuf und Cem zu einem Campingausflug der Uni eingeladen, an welchem etwa 40 Student/innen teilnahmen. Wir verstanden uns von Anfang an super und versuchten uns gegenseitig Türkisch und Englisch beizubringen, was besonders bei den Fluchwörter richtig lustig wurde :) Wir spielten Volleyball, grillierten türkische Würstchen, tranken Bier und sassen bis spät in die Nacht ums Lagerfeuer. Yusuf ist ein super Gitarrist und es wurde ein traditionelles Lied nach dem anderen gesungen. Am nächsten Morgen machten wir uns leicht verkatert auf den Weg zu einer Felswand, wo geklettert und ein Bogenschiess-Wettbewerb veranstaltet wurde. Ich wurde mit dem traditionellen osmanischen Bogen tatsächlich Zweiter und erhielt immer einen riesen Applaus, wenn ich an der Reihe war. Merci für das Schiesstraining, Lara ;) Es war ein tolles Erlebnis und ich habe mich richtig gefreut, dass ich an diesem Ausflug teilnehmen durfte. Mittlerweile hört sich auch die Türkische Sprache auch nicht mehr so fremd an, obwohl ich kaum ein Wort verstehe. Aber das kann sich ja bei all den Heiratsanträgen, die ich bisher erhalten habe, noch ändern ;)

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Kommentare: 4
  • #1

    Jönu (Dienstag, 26 April 2016 18:02)

    Hei George!
    Du Cheib hesch ja scho e huere bruune Gring! :-) Isch immer wider e Freud, vo dir z'läse und die coole Föteli azluege!

    Merci viu mau für d'Charte.

    Wünsche Dir witerhin gueti Fahrt und häb Sorg.

    Gruess us Schönbühl
    Jönu

  • #2

    Lara (Mittwoch, 27 April 2016 09:11)

    Gseht guet us, dini Form bim Bogeschiesse! Überrascht mi aber nid – hesch ja vo dä Beschtä glehrt... ;)

  • #3

    Urs (Donnerstag, 28 April 2016 18:36)

    Wiso finde ich keine Fotos von den Heiratswilligen?

  • #4

    Beni (Samstag, 30 April 2016 14:29)

    Haha Urs :)

    George geili Biuder! Gseht eifacg mega us! Gruess Beni :)