Türkische Gastfreundschaft auf dem westanatolischen Hochplateau

Es ist schon wieder eine ganze Weile her, seit ich mich zuletzt gemeldet habe, dafür gibt’s jetzt etwas mehr zu lesen :) Seit ich mit Pierre in Istanbul losgefahren bin, sind wir 9 Tage durchgeradelt und hatten kaum mehr Internetzugang. Was für eine Erfahrung, ein paar Tage ohne Internet kenne ich gar nicht mehr ;)

 

Die Fahrt aus Istanbul heraus wäre vermutlich ein Albtraum gewesen, wäre da nicht ein perfekt ausgebauter Radweg entlang der Küste, welcher uns 30 km lang durch Parks und unzählige Freizeitanlagen zum Hafen von Pendik führte. Von dort aus nahmen wir bei tollem Wetter die Fähre nach Yallova und konnten nach einer Stunde auf dem Schiff bereits wieder weiterradeln.

Und wie wir weiterradelten… Pierre verabscheut Hauptstrassen und ist ein Spezialist im Finden von kleinen Nebenstrassen, was in aller Regel mehr Kilometer und vor allem noch mehr Höhemeter bedeutet. Landschaftlich sind diese Strecken dafür jeweils umso schöner und nachdem wir die brutale Steigung mit Schiebepassagen am ersten Tag hinter uns hatten, kamen wir in der Stadt Iznik an. Als Pierre durch das Schaufenster einer kleinen Nähstube schaute, wurden wir vom Schneider gleich zum Cay eingeladen und plauderten zwischen 3 nostalgischen Brother-Nähmaschinen über unsere Reise. Am Abend stellten wir unsere Zelte im Stadtpark am See auf und konnten trotz dem Strassenlärm prima schlafen.

 

In den nächsten Tagen fuhren wir durch wunderschöne, bergige Landschaften und erklommen

zahlreiche Höhemeter, um auf das zentralanatolische Hochplateau zu gelangen. Die Türken sind ein sehr freundliches Volk und winken und hupen uns freudig zu, wenn sie uns sehen. Und sobald wir irgendwo kurz anhalten werden wir von einem Haufen Leuten angesprochen und gefragt woher wir kommen, wie wir heissen, wohin wir gehen und ob wir Cay trinken wollen. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viel Tee getrunken wie in den letzten paar Tagen und brauche nun beim Fahren doppelt so viele Pinkelpausen wie zuvor :) Die Unterhaltungen begrenzen sich meist auf ein paar türkische Wörter unsererseits und ein paar englische oder deutsche Wörter ihrerseits, aber es ist immer wieder schön und spannend mit diesen Leuten zusammenzusitzen und die unglaubliche Gastfreundschaft zu geniessen. In jedem Dorf gibt es

mindestens eine Person, die aufgrund eines Arbeitsaufenthalts in Deutschland ein paar Brocken Deutsch spricht und uns über das Dorf oder seine Familie erzählt. Beim Verabschieden drückt man sich dann jeweils den Kopf zuerst auf der linken und dann auf der rechten Seite aneinander, was wohl ein Zeichen der Freundschaft und eine ganz neue Erfahrung für mich ist. Und hier winken uns auch die Frauen zu und sprechen mit uns, was in den bisherigen muslimisch geprägten Ländern wie Albanien und Mazedonien nicht der Fall war. Pierre wurde sogar zum Spass mit einer Oma verheiratet und das ganze Dorf lachte mit uns und hatte einen riesen Spass daran :)

 

Es gäbe unzählige Beispiele für die Freundlichkeit der Menschen hier, aber ich beschränke mich hier mal auf eines. Im Dorf Osmaneli kaufte ich mir bei einem Essensstand neben einem Schulhaus etwas Zmittag und war sofort von Schulkindern umringt, welche alles über meine Reise wissen wollten und einen riesen Spass daran hatten, als sie mein Velo Probefahren durften. Alle wollten ein Bild mit mir und wir verbrachten etwa eine halbe Stunde damit, Fotos zu machen. Bevor ich wieder losfuhr schenkten sie mir eine Glace und eine Flasche Wasser für auf den Weg, was mich richtig rührte. Zum Abschied wurden noch E-Mail Adressen ausgetauscht und von den Mädchen gabs eine herzliche Umarmung. Dem Koch, welcher mir voller Stolz sein Victorinox Küchenmesser zeigte, schenkte ich ein kleines Schlüsselanhänger-Sackmesser, worauf er seine Freude kaum zurückhalten konnte und mich noch mit weiterem Essen und Trinken fürs Znacht versorgte. Das Essen hatte ich dann aber schon zum Zvieri verspachtelt, weils einfach zu gut

duftete :) Es gäbe Unzählige solcher Geschichten zu erzählen und es ist einfach toll, das erleben zu dürfen. Im Allgemeinen wollen alle immer auf Fotos posieren und fragen uns, ob wir sie fotografieren können. Aber gerne doch, dafür habe ich ja eine Kamera :)

 

Nachdem wir viele Höhemeter gemacht hatten erreichten wir das anatolische Hochplateau, welches wie aus einer anderen Welt scheint. Auf einer Höhe von rund 1000 M.ü.M ist es über lange Strecken beinahe flach und hat nur sanfte Hügelzüge. Das Plateau besteht grösstenteils aus grünen Steppen, nur selten wächst irgendwo ein einsamer Baum und Landschaft scheint mit den

tiefliegenden Woken und der ab und zu durchdrückenden Sonne wie gezeichnet. In der Ferne konnten wir verschneite Berge sehen und immer wieder kreuzten wir Schafherden, welche vom Schäfer, zahlreichen Hunden und einem Lastesel über die grünen Wiesen getrieben wurden. Auf den ungeteerten Nebenstrassen, welche wir oftmals nahmen, kamen wir nur an wenigen Dörfern vorbei, welche mit den zerfallenen Lehmhäusern wie ausgestorben wirkten. Wenn wir dann jeweils in den Dörfern Halt machten, kamen aus dem Nichts von allen Richtungen her Leute und wir wurden sofort wieder zum Cay eingeladen. Die Arbeit hier begrenzt sich auf Landwirtschaft und die Freizeit wird im Dorfhaus beim Cay trinken und Karten spielen verbracht, was manchmal, wie beim Jassen bei uns, ganz schön laut zu und her geht. Seit wir auf dem Hochplateau sind, leistet uns auch der Gegenwind wieder treu Gesellschaft und scheint uns sagen zu wollen «Hier ist Schluss». Die Farbe des Himmels ändert sich nachmittags manchmal schlagartig in ein tiefes Pechschwarz, das eine richtige Weltuntergangsstimmung hervorruft und starke Stürme mit sich bringt. Manchmal ist das Znacht dann mit einer dicken Schicht des aufgewirbelten Sandes gewürzt und wir müssen das Gesicht vermummen, damit wir noch atmen können. Am Abend suchten wir uns jeweils einen Zeltplatz und hatten meistens keine Mühe, irgendwo in der Pampa einen zu finden. Etwas schwieriger ist es schon, an Bier zu gelangen, aber das ist wohl eines der Opfer, das ich für mein Reise erbringen muss ;) Und wenn wir dann trotzdem mal Eines in einem kleinen Dorfladen finden, ist die Freude doppelt so gross und es ist etwas vom schönsten, nach einem langen Tag aus meinem Zelt zu lehnen, in den Himmel zu schauen und zu guter Musik eine Bierchen zu trinken :) Vorausgesetzt wir werden nicht von den durchgedrehten Schäferhunde aufgefressen, welche ab und zu wie die Irren auf uns zurennen und uns zähnefletschend anbellen. Bisher hat es ganz gut geklappt, wenn wir vom Velo stiegen, dieses zwischen uns und den Scheissköter stellten und Pfui machten. Manchmal hatten wir auch Glück, dass der Schäfer gerade in der Nähe war und den riesigen Hund zurückpfiff. Aber ich werde mir wohl noch eine Peitsche oder sowas besorgen müssen, um mir die besonders hartnäckigen Biester vom Leib zu halten.

 

Was gibt’s sonst noch zu berichten? Mein Türkenschnauz kommt hier ziemlich gut an, aber ich bin trotzdem froh, wenn ich wieder einen anständigen Bart habe ;) Und ich vermisse und denke täglich an meine Freunde und Familie, manchmal habe ich auch richtig Heimweh. Aber die weitaus meiste Zeit bin ich froh unterwegs zu sein, die tollen Landschaften erleben und Leute

kennenlernen zu dürfen. Und da ich nun keinen Zeitdruck mehr habe, bleibe ich einfach ein bisschen länger, wenns mir irgendwo gefällt :) Im Vergleich zu Pierre bin ich noch ein ziemlicher Warmduscher und ich gönne mir immer wieder mal einen Kaffee im Restaurant, eine Büchse Cola, mag ab und zu ein Bett und Dusche oder suche nach einem Internet Hotspot, um von mir hören zu lassen. Auf ganz alles will ich ja auch nicht verzichten, für irgendwas habe ich ja ein bisschen was

zusammengespart :) Aber auch wenn wir diesbezüglich etwas geteilter Meinung sind, ist es super mit jemandem zusammen zu fahren. Ah übrigens, vorgestern hatte ich absolut keine Lust mein Zelt im Regen aufzustellen und als wir in einem kleinen Bauerndorf nach einem gedeckten Unterstand fragten, wurden wir gleich von einer Familie zum Übernachten im Teehaus eingeladen inkl. Cay und Türkischlektion mit den Kindern :) Echt liebenswürdig, diese Menschen hier! Die Kinder waren völlig aus dem Häuschen, zwei komische Vögel mit bepackten Fahrrädern zu sehen und posierten ununterbrochen für Fotos. Und auch bei der Grossmutter konnten wir uns für die Übernachtung revanchieren, indem ich ihr ein paar starke Medis gegen ihre Zahnschmerzen und eine Packung Ricola schenkte :)

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Kommentare: 5
  • #1

    Beni (Freitag, 15 April 2016 12:34)

    Eifach super wide schribsch bro! Tönt aues mega guet.! I vermisse di oh scho wider.. :( aber gniesses! Gruss Beni

  • #2

    Söne (Freitag, 15 April 2016 15:45)

    Es isch e wahri Freud di Blog zverfouge! Warte immer gspannt ufe nächst Reisebricht. :-) Gniess es witerhin u zeig dene verstörte Schäferhüng ruhig o mau diner Zäng. ;-)

  • #3

    (Samstag, 16 April 2016 07:01)

    Hey george... Ungloublich die schöne bilder ! Und i verstah ou wiso du schaare vo froue und ou manne um die hesch ... Die hei no nie e ma gseh wo wie us stahl gmacht isch .. Nur no muskle und ds velo... Drum heissisch du ou 'eisenzimmer'

  • #4

    Mam (Samstag, 16 April 2016 07:12)

    Es wär no nid fertig gsi... Ha no wöue tschüss sege, smile... Ly mam

  • #5

    Franziska Affolter (Mittwoch, 20 April 2016 12:32)

    Ich freue mich immer wieder auf einen neuen Blog von dir!!! Du schreibst echt abwechslungsreich und spannend!!!
    Häb dir witer Sorg und gniess d Gastfründschaft vo dene viele Lüt!!!