Das Tor zum Orient

Nach ein paar erholsamen Tagen in Thessaloniki ging ich am Donnerstagabend zum Busbahnhof, wo mir vom Chauffeur des Nachtbusses gesagt wurde, dass ich beide Räder meines Velos abmontieren müsse um mitfahren zu dürfen. Weil mir das dann doch ein bisschen zu blöd war, nahm ich nur das vordere Rad ab, was ich nach einigem Hin und Her irgendwie durchstieren konnte. Phuu, nochmals Glück gehabt :) Wer noch nie mit einem griechischen Bus in die Türkei gefahren ist, sollte sich unbedingt mal so eine Tour buchen. Die Fahrt war aufregender als die Achterbahnen im Europapark und die Präzision, mit welcher der Chauffeur bei doppelter Höchstgeschwindigkeit über Rot fuhr und streunenden Hunden auswich, war eine Meisterleistung. Auch die Rennen mit anderen Reisebussen und das dazugehörige Lachen unseres Chauffeurs, wenn er gewann, hatten einiges an Unterhaltungswert.

Am Morgen kamen wir bereits zwei Stunden vor der planmässigen Ankunft in Istanbul an und ich war sofort begeistert von dieser Stadt. Die vielen Moscheen sind wir aus dem Märchenbuch, der Grosse Basar ist wirklich riesig, die Gassen sind vollgestopft mit Gewürzhändlern, Kebab Restaurants, kleinen Kaffees und interessanten kleinen Läden, wo es alles Mögliche zu kaufen gibt. Die Gerüche aus den Restaurants sind wunderbar und am liebsten hätte ich überall etwas gegessen. Die riesige mit christlichen und muslimischen Symbolen geschmückte Hagia Sofia, die eindrücklichen Pfeiler in der Basilica Cisterna, die vielen Minarette der blauen Moschee, die Fischer auf der Galatabrücke und den atemberaubenden Flair dieser Stadt im Allgemeinen sollte jeder mal erlebt haben! Am Nachmittag kam Beni in Istanbul an und ich freute mich unglaublich, meinen kleinen Bruder wieder zu sehen. Auf einer Dachterrasse mit tollem Ausblick aufs Meer tranken wir einen Navy Croq, welcher mir Beni extra am Vortag in der Abflugbar in Bern mixen liess und um das Heimweh in Grenzen zu halten erhielt ich noch eine Flasche Rivella und ein Fondue :) Die drei Tage verbrachten wir ganz nach alter Tradition wie wir es immer machten, wenn wir zusammen in den Ferien sind. Tagsüber die Stadt bewundern und nachts die Pubs erkunden. Da ist ganz schön was los in Istanbul und die türkische Livemusik ist auch gar nicht mal so schlecht :) Dann gabs da noch die Challenge Nr. 4, welche an der Reihe war... Aber wenn ich mir schon einen Schnauz mache, dann mit Stil! Und so vertraute ich auf die ruhige Hand von «Kuaför» Ibrahim, welcher mir auf die traditionelle Art einen hübschen Schnorres ins Gesicht zauberte ;) Jetzt werde ich zwar ständig gefragt, ob ich schwul sei, aber es gibt ja schliesslich Schlimmeres… Vielleicht muss ich noch so ein tolles gestreiftes Langarmhemd und beige Hosen tragen, damit ich als richtiger Türke wahrgenommen werde. Aber zumindest werde ich jetzt auf der Strasse schon auf Türkisch angesprochen, was doch auch vom Schnauz-Effekt zeugt. Auch an das ständige Gmöög der Muezzins von den Minaretten herunter habe ich mich mittlerweile gewöhnt, was ich jetzt mal als gelungene Integration werte ;)

 

Es war toll mit Beni und die Zeit verging leider viel zu schnell, aber wir sehen uns schon «bald» in Thailand wieder :)

 

 

Nun habe ich das erste Etappenziel meiner Reise bereits erreicht und fahre von hier auf asiatischem Boden weiter. Da ist es doch Zeit für einen kleinen Rückblick auf meine bisherige Tour! In den 26 Tagen von Bern nach Thessaloniki fuhr ich durch 8 Länder, brauchte 5 verschiedene Währungen, überquerte 1 Zeitzone, verbrachte 21 Tage resp. 108 Stunden auf dem

Sattel, legte 2028 Kilometer zurück, bewältigte 17`092 Höhemeter, hatte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 18,7 km/h und einen Höchstspeed von 72 km/h, hatte 1 Materialschaden am Wechselauge, dafür 0 Platten :) traf auf 5 andere Tourenfahrer, ass etwa das 3-fache meines normalen Tagesbedarfs, probierte etwa 20 verschiedene Biere, lernte das russische Alphabet, dafür konnte ich mir in Albanien nur 1 Wort merken (Mirmir - Gutgut), ging 0 Mal im Meer baden (Schande über mich), wurde dafür aber 5 Mal vom Regen durchgewaschen, wachte 1 Mal in einem nassen Zelt auf, habe mir 2 Mal die Finger abgefroren, konnte 8 Mal mit T-Shirt fahren, lernte, dass man sich im Balkan beim Autofahren nicht anschnallt, dass in Mazedonien ein Raki zum Frühstück nichts abwegiges ist, dass die Auswahl an Schokolade in Kroatien grösser ist als in der Schweiz, dass streunende Hunde ganz schön schnell sind wenn sie einen Velofahrer sehen, dass ich erstaunlich schnell bin wenn mir ein streunender Hund bellend hinterher secklet, dass die Strassen im Balkan manchmal einfach weg sind und dass vermutlich schon die alten Griechen die Distanz zum Mond besser beziffern konnten als die italienischen Strassenschilder die Distanz zur nächsten Stadt ;)

 

Jetzt läuft mein Velo wieder rund (juhui) und freue ich mich richtig darauf, endlich wieder loszuradeln und die Türkei zu erkunden :)

Bis bald!

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Kommentare: 4
  • #1

    Sebu (Dienstag, 05 April 2016 22:15)

    Aus guete Tschörtschu...häb dr sorg

  • #2

    Ivo (Mittwoch, 06 April 2016 07:50)

    "dass vermutlich schon die alten Griechen die Distanz zum Mond besser beziffern konnten als die italienischen Strassenschilder die Distanz zur nächsten Stadt ;)"

  • #3

    Schäferschwein (Mittwoch, 06 April 2016 21:09)

    Eisenschwein, du bisch e wahre Poet! D stawa vermisst dini literarische ergüss sicher sehr...

  • #4

    Mam (Donnerstag, 07 April 2016 14:20)

    I mues unbedingt ou nach Istanbul :-) es isch immer so spannend dini Texte z lese und chli mitdrbi si... nd naja... über de "hässlich" Schnouz sägi itz mal nüt :-)
    Gnieses George und heb dr Sorg...
    Ly Mamen