The Balkans

Als ich abends in Dubrovnik zurück zum Hostel ging, sah ich am Stadttor einen Tourenfahrer, der etwas verloren wirkte und fragte ihn, ob er ein Hostel suche. Pierre, ein Journalist aus Frankreich, startete ein paar Tage vor mir in Lyon und will mit dem Velo innert 10 Monaten in die Mongolei fahren. Kaum kennenglernt beschlossen wir, dass wir am nächsten Tag

gemeinsam nach Montenegro fahren würden. Es war toll, wieder mal mit jemandem zusammen zu fahren und wir hatten etwa das gleiche Tempo, nur bergauf ging er ab wie eine Rakete und ich hinkte hinterher als wäre ich eine Oma auf einem alten 3-Gang Fahrrad. Da bringen nicht mal meine super Zuckerorangen was :) Nach dem Grenzübergang zu Montenegro konnten wir mit etwa 60 km/h den Berg runter sausen und hatten einen super Blick auf die Bucht von Kotor. Als wir gemütlich der Bucht entlang in Richtung Kotor fuhren, wurden wir von einem fröhlich hupenden jungen Motorradfahrer mit einem Affenzahn und wie üblich ohne Helm überholt. Ich musste noch über diesen Dödel lachen, weils einfach so dämlich war wie er fuhr. Als wir ein paar Meter um die nächste Kurve fuhren, lagen er tot neben seinem Motorrad und einem entgengen kommenden Auto auf der Strasse. Die Sanität war auch sofort vor Ort, aber da war nichts mehr zu machen. Es ist traurig, Kilometer für Kilometer all die Grabsteine von meist noch jungen Männern an den Strassenrändern zu sehen, die vermutlich auf eine solch sinnlose Art ihr Leben verloren. Aber ich habe ja beruflich auch schon das eine oder andere Mal solche Situationen erlebt und jedes Mal bewirken sie, dass ich mein Leben umso mehr geniesse.

 

 

Die Strasse schlängelte sich etwa 40km um die von Gebirgsflanken umringte Bucht von Kotor und Pierre und ich waren uns einig, dass dies die schönste Strecke unserer bisherigen Reise war. Nachdem wir in der wunderschönen Altstadt von Kotor ankamen wanderten wir noch schnell zur alten Burg, welche etwa 400m über der Stadt thront und von welcher man einen grandiosen Ausblick auf die Bucht und Berge von Montenegro hat. Es sind diese Momente und Landschaften, die mich zu dieser Reise angespornt haben und mich immer wieder aufs Neue vorantreiben.

 

Zum Znacht gabs eine montenegrinische Spezialität mit Schweinefleisch, Kartoffeln und Kabissalat, welche trotz der Zusicherung des Kochs natürlich nirgends hinreichte. Es ist unglaublich wie ich den ganzen Tag über Kohldampf habe und Essen verschlinge wie ein Mähdrescher. Aber ich brauche ja auch meinen Treibstoff :)

 

 

Am nächsten Morgen starteten Pierre und ich zusammen in Richtung Albanien und schon nach kurzer Zeit trennten sich unsere Wege wie am Vorabend besprochen wieder. Pierre nahm die Passstrasse, welche sich das Gebirge hochschlängelte, und weil ich eine faule Sau bin und mir die

ausgerechneten 110 Km und 1500 Höhemeter für diesen Tag ausreichen würden, fuhr

ich ganz gemütlich durch den Tunnel :) Darin bin ich ja mittlerweile schon fast ein Profi. An einem schönen Strand in Bar ass ich mein Zmittag zwischen den Palmen und wartete auf Pierre, welcher

versuchen wollte, mich gegen Mittag dort zu treffen. Wahrscheinlich hatte er aber die Bergstrasse genommen und so setzte ich meine Fahrt in Richtung Albanien fort. Die ganze Strecke war das reinste Rauf und Runter und der letzte Hügel vor der albanischen Grenze brachte meine Oberschenkel nochmals so richtig zum Glühen, aber das könnte auch von der Sonne gewesen sein ;) Die von Olivenbäumen und kleinen Gärten geprägte Landschaft hoch über der Küste war wieder mal wahnsinnig schön. Und dann wars soweit, plötzlich hatte ich die albanische Grenze vor mir und als ich die ersten Moscheen und Eselkarren sah wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass jetzt doch schon ein ganzes Stück von Zuhause weg bin. Am Anfang war ich noch etwas aufgeregt, da sich gewisse Vorurteilen hartnäckig im Hinterkopf hielten. Aber die Leute winkten mir beim Vorbeifahren freundlich zu, lächelten und grüssten mich. Ein kleiner junge sagte mit einem breiten Grinsen «Hello, fuck you», was ich eigentlich recht witzig fand, da es wahrscheinlich die einzigen englischen Wörter sind, die er kennt. Ein anderer Junge forderte mich mit seinem Fahrrad zu einem Rennen auf, dass er nach einem erbitterten Sprint mit einem freudigen Gesicht gewann (ich habe ihn natürlich gewinnen lassen ;). Nach ein paar Kilometern kam ich in der Grossstadt Shkoder an und bahnte meinen Weg durch den, sagen wir mal etwas anderen Verkehr, als wir ihn bei uns gewöhnt sind. Autos waren mitten auf der zweispurigen Strasse parkiert, Sicherheitslinien und Verkehrsschilder sind eher gut gemeinte Ratschläge, Helme machen den Motorradfahrern nur die Frisur kaputt, die Hupe wird mehr gebraucht als die Bremse und alte Herren schlängeln sich elegant mit ihren Fahrrädern und ihren Frauen auf den Gepäckträgern durch das Verkehrsdickicht. Die Stadt hat nicht unbedingt viel zu bieten, aber die nebeneinander stehende Moschee sowie katholische und reformierte Kirche und die schöne, von kleinen Geschäften und Bars gesäumte Fussgängermeile im Zentrum der Stadt haben mir super gefallen. Eigentlich ganz schön witzig, mal als Ausländer in Albanien zu sein. Am Abend fragte mich die Angestellte des Hostels, ob ich mit ihr und ihren Freunden in eine Bar gehen wolle, was ich mir natürlich nicht entgehen lassen konnte. Man weiss ja nie, wann man das nächste Mal mit einer lustigen Gruppe Albaner in Shkoder Party machen kann :) Zu fünft fuhren wir in einem alten VW Golf mit zersprungener Frontscheibe um ein paar Blöcke und sie fanden es ganz schön lustig, als ich mich auf dem Vordersitz anschnallte. Wir verbrachen einen super Abend mit ein paar Bier und lustigen Gesprächen über Albanien, die Schweiz und warum zum Teufel ich mit dem Fahrrad nach Asien fahren will. Das Trinken und Essen, ach eigentlich alles ist spottbillig hier. Als sie mir dann sagten, dass das Durchschnittseinkommen in Albanien etwa 200 Euro beträgt, hatte ich aber fast schon ein schlechtes Gewissen. Auf den Strassen gibt es viele Bettler die einen hartnäckig um ein paar Münzen anflehen und mit der Zeit auf den Wecker gehen. Aber dass dies auch kleine Kinder machen, welche mit ihren Eltern Müllcontainer nach Essbarem durchwühlen und abends auf einem Karton auf der Strasse schlafen, hinterlässt irgendwie einen fahlen Beigeschmack. Und das in einem Land, das EU-Beitrittskandidat ist… Es ist umso erstaunlicher, wie freundlich und hilfsbereit die Albaner sind und meine anfängliche Skepsis hat sich mittlerweile in Luft aufgelöst.

 

Nach einem Pausentag in Shkoder nahm ich die Landstrasse nach Tirana, welche mir die Armut dieses Landes vor Augen führte. Vielleicht wars das trübe Wetter, aber die Szenerie drückte mir doch ganz schön aufs Gemüt. Die ganze Strecke war mit Müll übersäht, die Menschen wohnen zum grossen Teil in Dreckslöchern und sitzen gelangweilt und mit dreckigen Kleidern am Strassenrand herum. Anderseits fährt hin und wieder ein Porsche über die von Schlaglöchern übersähte Strasse und parkiert vor einer Prachtsvilla, welche wenige Meter neben den kaputten Häusern der weniger Glücklichen stehen. Wenn ich die Leute jeweils im Vorbeifahren grüsse, schauen mich einige grimmig an, die grosse Mehrheit winkt aber freundlich zurück und grüsst mich mit einem Lächeln. In Tirana fand ich dann wieder ein ganz anderes Bild vor. Die Menschen in der Hauptstadt leben wie in jeder anderen Stadt. Nur ein paar zerfallene Blöcke, Bettler und unmengen streunender Hunde erinnern noch an die Zustände, die vor der Stadt herrschen. Tirana, die Hauptstadt Albaniens, hat mich nicht sonderlich angesprochen und ich freute

mich richtig, am nächsten Tag die kurze Strecke über die Berge nach Elbasan zu fahren.

 

 

Die Bergetappe war richtig toll. Die Fahrt über die albanischen Alpen war wunderschön und der Ausblick grandios. Ich wusste gar nicht, dass Albanien so viele Berge hat. Es erinnerte auch nicht mehr Vieles an die Armut und die Leute gingen geschäftig ihrer Arbeit im Garten nach oder tranken Kaffee in einem der vielzähligen Autowaschanlagen-Restaurants. Bei einem Restaurant auf dem höchsten Punkt der Strasse wurde ich von zwei Rennvelofahrern freudig begrüsst

und zu einem Kaffee eingeladen. Und da einer der beiden Fahrradmechaniker war, richtete er mir gleich noch meine schon etwas mitgenommene Gangschaltung wieder. Einfach toll, die Gastfreundschaft dieser Leute! Die in Tirana für ChF 1.50 gekauften Bremsbeläge haben wir jedoch noch nicht montiert, da ich diese lieber erst auf einer flachen Strecke testen möchte :)

 

 

Am nächsten Tag fuhr ich mit Jan aus Köln, welcher mit dem Velo von Tirana nach Sofia fährt, bei nassem Wetter über die Berge in Richtung Ohrid, Mazedonien. Es ist super, bei solchem Sauwetter jemanden zu haben, mit dem man sich unterhalten kann. Das Zmittag assen wir in einem kleinen Kaff und als wir schon wieder 2 Kilometer weitergefahren sind, wurden wir von einem vorbeifahrenden Auto aufgehalten. Die zwei Männer im Auto sind uns tatsächlich nachgefahren, um mir mein liegengelassenes Fahrradschloss zu bringen. Ich staune immer wieder über die Freundlichkeit der Menschen hier! An der mazedonischen Grenze schaute ich nochmals mit etwas Wehmut zurück und fuhr dann in das 6. Land dieser Reise. Mazedonien begrüsste uns mit noch ein bisschen mehr Regen und so erreichten wir am Abend pflotschnass Ohrid, welches an einem wunderschönen See liegt (zumindest siehts auf den Prospektbildern so aus, der Regen raubte uns etwas die Sicht ;).

 

 

Am nächsten Morgen startete ich wieder alleine in den Regen, da Jan sich bezüglich der Route noch nicht sicher war. Als ich völlig durchnässt auf dem höchsten Punkt der ersten Hügelkette ankam, sah ich bei einem kleinen Arbeiterhaus das Tourenfahrrad von Pierre und hielt sofort an.

Pierre wärmte sich bei drei Strassenarbeitern am Holzofen auf und es war richtig toll ihn wieder zu sehen. Als unsere Kleider wieder mehr oder weniger trocken waren, setzten wir unsere Fahrt gemeinsam fort und auf der Spitze des nächsten Hügels durften wir uns wieder in einer Arbeiterhütte trocknen und aufwärmen und erhielten sogar noch einen Kaffee von Alex, welcher gerade die Hütte hütete. Wir verstanden uns zwar nicht richtig, aber mit Händen und Füssen

konnten wir uns trotzdem irgendwie verständigen. Nur, dass mein Name nicht George Washington ist, konnte ich Alex nicht beibringen :) Am Nachmittag erreichten wir Bitola über eine gesperrte Hauptstrasse, welche wir auf der ganzen Breite für uns alleine hatten, und nach zwei Tagen Regen in Mazedonien verlassen wir dieses Land morgen schon wieder in Richtung Griechenland. Schade eigentlich, die Landschaft hier war wiedermal toll! Aber ich bin mir sicher, dass noch viele tolle Labdschaften folgen werden.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Pierre (Donnerstag, 24 März 2016 22:44)

    Great journey, happy to participate ! Oh and beautiful pictures !